Was soll “male gaze” und Objektifizierung?

(Ist ein bisschen länger geworden, scusi. Ich versuch, kurzweilig zu bleiben 😉

Ich habe die feministische Klage gegen die Objektifizierung von Frauen nie so recht verstanden. Weder inhaltlich noch in ihrer Motivation.

Inhaltlich nicht, weil jeder Mensch jeden Tag Hunderte anderer Menschen auf ein Ding mit einer (oder wenigen) Eigenschaften reduziert.
Die Oma, die es irgendwie schafft, auf dem Wanderweg sich im Zickzack zu bewegen, ohne dabei vorwärts zu kommen, ist ein Hindernis. Es ist mir in dem Moment egal, ob sie ihren Enkel liebt.
Der Mensch an der Kasse im Supermarkt ist ein Checkout- und Rechenapparat. Ob er grad Stress in der Schule hat, ist ein von der Interaktion erfreulich abwesender Aspekt. (Das finde ich sogar so erfreulich, dass ich inzwischen gern an die Self-Checkout Inseln gehe.)
Der Lokführer wird ebenfalls frohgemut reduziert auf seine Kompetenz, 80 Tonnen Metall, welches sich über 250 Meter erstreckt, sicher von A nach B zu bringen.

Das ist alles normal und gut so. Ein Leben ist nicht denkbar, in dem als Interaktion nicht ausreicht, dass ich jemandem die Vorfahrt lasse und er dankend zurück nickt, in dem wir mindestens noch einen Tee zusammen trinken gehen müssen, damit wir uns gegenseitig die wichtigsten Stationen unserer Leben erzählen können.
Um den anderen als Mensch und nicht reduziert auf “flüchtige, freundliche Erscheinung” wahr zu nehmen.

Vermutlich würden diese Analogien alle von einer Feministin abgelehnt werden, weil die Menschen darin zwar auf eine Eigenschaft oder Fähigkeit reduziert werden, aber nicht auf ein physisches Ding. (Bis auf das Beispiel mit der Oma, die so lästig ist wie ein Poller, der sich bewegt. Naja.)

Aber stimmt es denn, dass der male gaze das Objekt der Begierde entmenschlicht?
Als Indiz für eine Antwort: Ein weiblicher Pornstar verdient im Jahr zwischen $100K und $250K und es gibt zu jeder Zeit über 1000 Darstellerinnen in der Branche.
Das sind mehr als $100.000.000 pro Jahr.
Wenn es keinen Unterschied geben würde zwischen “Bild von erotischen Menschen” und “Bild von erotischen Dingen”, würde dann nicht irgendein Pornoproduzent längst auf die Idee gekommen sein, nur noch mit diesen Akteuren zu arbeiten?

Das ist letztlich das gleiche Argument wie der Hinweis auf die Abwesenheit von großen, erfolgreichen, rein weiblich besetzten Firmen, die es laut gender wage gap eigentlich haufenweise geben müsste. Wenn denn Frauen wirklich die selbe Arbeit zu sehr viel geringerem Gehalt machen würden.

Inhaltlich ist die Objektifizierungsklage also irgendwie extremitätenlos*.

Aber was ist die Motivation? Was erreicht die Frau mit dieser Beschwerde?

Da ist zum einen natürlich die damit einhergehende Verteufelung der männlichen Sexualität und das macht ja schon irgendwie Spaß, dass Männer an allem Schuld sind und sowieso schlechter als Frauen.

[Exkurs:] Richard Wiseman untersucht in Laughlabs, warum welche Witze auf wen wirken. Eine Theorie zur Wirkweise von Witzen ist die ‘Superiority Theory’.

According to one theory of humour, we laugh because [some] types of situations make us feel superior to other people. (…) In these types of jokes, peaple appear stupid because they have misunderstood an obvious situation, made a stupid mistake, been the hapless victim of unfortunate circumstance or have been made to look stupid by someone else.

Beispiel gefällig?

“A husband stepped on one of those penny scales that tell you your fortune and weight, and dropped in a coin. ‘Listen to this’ he said to his wife, showing her the small, white card. ‘It says I’m energetic, bright, resourceful and a great person.’ – ‘Yeah,’ his wife nodded, ‘and it has your weight wrong, too.’ “

Women thought that these jokes were very funny. Men didn’t agree. The reason is all due to superiority. These jokes make women look good and put down men, and so they appeal far more to females than males. (ibid)
[/Exkurs]

Aber auch wenn dieses Erklärungsmuster einer klassischen Witz-Theorie folgt, erklärt es m.E. nicht die Heftigkeit, mit der hier regelmäßig feminist warriors argumentieren und – auch eigentlich sympathisch gefundene – Menschen als “sexistische Schweine” beschuldigen.
Es muss m.E. noch eine Motivation geben, die tiefer sitzt, dichter am unreflektierten “Huch, das ist alles irgendwie zu viel, zu gefährlich, zu zu” Gefühl.

Eine mögliche Erklärung kam mir vorhin in den Sinn, als ich über die Geschichte nachdachte, die hinter diesem Bild verlinkt ist:

viewpoint

Lila erwägt den Gedanken, ob Neid die Erklärung hinter Grüns Überreaktion sein könnte. Worauf Grün sagt, sie habe 32DD Möpse, die alle prächtig fänden und außerdem habe sie haufenweise lebenslange Freunde und eine 1a, fantastische Persönlichkeit.

Damit ist die Neid-Erklärung als solche zwar nicht vom Tisch, reicht aber vorne und hinten nicht aus, um zu erklären, warum auch attraktive Feministinnen über den male gaze klagen.

Am Rande: Es gibt natürlich die generischen Gründe: Ärger, Statussuche, Sinnsuche und Abenteuer, warum jemand sich einer extremen Gruppe anschließt und nach deren Regeln Quatsch verzapft. Aber ich frage mich hier, warum die grüne Mopsgoblin der Geschichte oben so auf das Thema abfährt.

Und damit komme ich, nach 800 Wörter Vorgeplänkel, zu meinem ursprünglichen Gedanken:

With Great Power comes Great Responsibility.
Und:
Great Power is hard to control.

Mit anderen Worten: Attraktive junge Frauen finden sich in einer Situation wie Peter Parker: Sie haben unvermutet eine Superpower.

Das macht zwei Probleme:
Es geht der eine oder andere metaphorische Wasserhahn kaputt, wenn z.B. die Balance zwischen sexy und slutty noch nicht beherrscht wird.

Und man hat es plötzlich mit den Doc Ocks und Green Goblins dieser Welt zu tun. Plötzlich wollen alle was von einem und wenn man (zwangsläufig) Erwartungen enttäuscht, bleiben die nicht alle nett.
Manno.

Wenn eine junge Frau so drauf ist wie Peter Parker, lernt sie bald, mit dieser Verantwortung umzugehen. Die Superkräfte werden nur noch sparsam und gezielt und vorsichtig benutzt.

Wenn sie aber Infantilität als verlockendes Lebensmodell empfindet, dann hat sie vermutlich keine Lust auf eigene Verantwortung und klagt die an, bei denen sie mit ihrem Verhalten und ihrem Sein eine Reaktion auslöst.

Wäre Spiderman Feminist, würde er sich beim ersten Anzeichen von Ärger verdünnisieren und empörte Anrufe an die Stadtverwaltung starten, wann die Obrigkeit endlich was gegen die Schurken dieser Welt zu tun gedenkt.
“Das Böse der Welt hat nichts mit mir zu tun und … kann bitte jemand all die klebrigen Netze in der Stadt wegmachen? Die stören echt, wenn ich durch die Straßen schwingen will…

Ach ja: Und wehe, jemand macht Witze über mich. Wenn hier einer superior ist, dann bin ich das!”
————–
* Hat weder Hand noch Fuß

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One thought on “Was soll “male gaze” und Objektifizierung?

  1. Sehr interessanter Vergleich. Eine Superkraft, die einem sozusagen viele Vorteile, aber eben auch Nachteile bringt.

    Wobei die Vorteile vielleicht auch gar nicht so wahrgenommen werden. Keine Frau wird sich gerne als jemand sehen, für den alle nur etwas machen, weil sie Lust auf Sex haben. Sie wollen eben “ganzheitlicher” wahrgenommen werden und deswegen soll positiv auf sie reagiert werden bzw. sie ordnen ihre positive Wirkung weitaus weniger ihren körperlichen Eigenschaften zu

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