Wie Kopf und Herz zusammen kommen können. Vielleicht.

Viele Menschen, im Schnitt eher weibliche, erfühlen die Wahrheit eher, als ihr mit dem Abwägen der Stichhaltigkeit und Konsistenz von Argumenten zu Leibe zu rücken.

Es ist nicht so, dass da keine logischen Schlüsse vorhanden sind, oder dass diese immer falsch wären. Es ist aber so, dass das Konzept des Zu-Ende-Denkens keinerlei Bedeutung hat, wenn es darum geht, die Wahrlichkeit eines Gedankens mit vollem Herzen zu spüren.

Das Beispiel, an dem mir das deutlich wurde, kommt von der anderen Seite des Ärmelkanals: Letzte Woche hatte Sara Pascoe in der Now Show einen Slot, in dem sie das problematische Verharren von Menschen auf Äußerlichkeiten thematisierte.

I sympathise deeply with mezzosoprano Tara Erraught who last sunday awakened to her notices “unsightly and unappealing” (The Times), “dumpy” (The Independant), “intractable physique” (The Daily Telegraph), “stocky” (The Guardian), “chubby bundle of puppy fat” (The Financial Times). So she obviously sat there for a bit, baffled and wondering “How can my singing be dumpy and chubby and … Oh my gosh, they are reviewing my body and not my work.”
(…)
So, what is the issue of gender here? I believe the relevance is not in the physical description but it is the pressure women feel about their looks might actually stop them doing stuff.
Men aren’t being held back by petty insults in superficial media; they’re too busy getting paid more in every single career where you don’t have to take your clothes off. Talking of which, this week the No-More-Page-Three campaign had this huge advancement, so Coop-supermarkets have said they will now stack the Sun newspaper on the top shelf.
But since September there’s been this huge backlash against them because people have said “Well this is an example of feminists oppressing other women.” Page 3 models chose to do that job, nobody coerces them, and if you would get rid of Page 3 they wouldn’t have a livelihood. So it seems like it is some kind of unanswerable problem. Except, and this is gonna sound arrogant, that I think I solved it.
All we have to do is make Page 3 like jury duty.
So suddenly every woman over 18 is now eligible. So one day you are getting up and there is a letter that says “Dear Sara, please come to the Sun offices at 9am tomorrow morning, bring some snazzy pants and a pithy quote about Syria.”
That’s the thing: Page 3 wouldn’t be as dangerous if it actually represented all the different kinds of breast. If it showed small ones and saggy ones and different shaped ones and men would still like it because it’s still boobies.
(…)
The problem isn’t that women are looked at, because that happens with all of us. It’s that the judgement of our looks obscures our work.


Exkurs zum Hintergrund: Es geht um die Rolle des Rosenkavaliers, eines schneidigen jungen Manns, der attraktiv genug ist, dass er (mit 17) Geliebter der Frau eines Feldmarschalls ist und später sich die junge Sophie prompt in ihn verliebt.

Die Rolle wird immer von einer Frau gespielt (wie z.B. auch der Cherubino in der Hochzeit des Figaro, ebenfalls Mezzosopran) und zum Beispiel so besetzt:
kavalier2

Oder so:
pd533511

Tara sieht in der Rolle so aus:
kavalier


Die spontane Antwort auf Sara Pascoe eines rationalen, sachlichen, im Schnitt eher männlichen, Menschen könnte nun auf den einen oder anderen Punkt hinweisen.

Zum Beispiel, dass Oper im Gegensatz zum Beispiel zum Konzert den Anspruch hat, ein Gesamtkunstwerk zu sein. Das wesentliche daran, laut Wikipedia:

Als Gesamtkunstwerk bezeichnet man ein Werk, in dem verschiedene Künste (…) vereint sind. Dabei ist die Zusammenstellung nicht beliebig und illustrativ: die Bestandteile ergänzen sich notwendig.

So wird im Spectator im Zusammenhang mit dieser Geschichte z.B. das Royal Opera House zitiert:

Any production is a fusion of elements: musical, dramatic and visual. And any opera casting means assessing both the vocal and dramatic suitability for a certain role and certain production concept. That is fundamental to the art form.

Sara aber redet, als gäbe es keine Verschmelzung von Inszenierung, Darstellung und Gesang, sondern nur Gesang, sonst nichts.
Aber das Argument hilft nicht weiter, es widerlegt ja nicht die gefühlte Wahrheit, dass Tara Achtung verdient dafür, dass sie wirklich gut singen kann. Und singen kann sie wirklich gut, da sind sich alle einig.

Oder man könnte einwenden, dass Saras eigene Gedankenfragmente “…the pressure women feel about their looks…” und “…men aren’t being held back by petty insults in superficial media…” eine andere, sehr interessante Interpretation des Geschehens nahelegt, nämlich, dass das Problem nicht in der Perzeption der anderen liegt (denn dann hätten Männer es auch), sondern in dem Wert, den Frauen der Meinung anderer beimessen. Demnach könnten Frauen ihr Problem komplett im Alleingang lösen und die Welt muss nicht umgeschrieben werden.
Aber auch das hilft hier nicht weiter. Denn die gefühlte Wahrheit ist ja: “Das tut aber weh und deswegen sind Frauen gebremst.” Und es stimmt. Es tut weh. Auch sanfte Varianten von “Selber Schuld” ändern nicht das Weh.

Völlig unproduktiv wäre der Hinweis, dass “…they’re too busy getting paid more in every single career where you don’t have to take your clothes off.” faktisch falsch und hanebüchen ist. Sicher, dieser Unsinn hat Sara so abgelenkt, dass ihr die Tragweite des Gedankens direkt davor völlig entgeht, aber was bedeutet schon Akuratesse im Detail, wenn das Große und Ganze doch als wahrlich empfunden wurde? Das lenkt doch nur ab vom Eigentlichen.

Nein, besser ist es, sie ernst zu nehmen. Der Fokus aufs Äußerliche lenkt von der Person und ihren Leistungen ab. Unrealistische Vorbilder in den Medien schüchtern den konkreten Menschen in seinem Ringen um Anerkennung ein und halten ihn womöglich davon ab, sein Potential zu erreichen.

Das ist – völlig ohne Sarkasmus – auch meines Erachtens wahr und es bringt in diesem Gespräch nichts, davon ablenken zu wollen.

Was aber kann ein rationaler Mensch dann noch beitragen?

Wie oben angedeutet: Man könnte helfen, den Gedanken zu Ende zu denken. Es gibt ja nicht nur Frauen, die von unrealistischen, halbnackten Models auf Page 3 in ihrem Sein beeinträchtigt sind, so dass weniger Besonderes…

page3

…und dafür mehr Normalität, mehr Durchschnitt…

frau

…für das Ego des normalen Menschen Wunder wirken würde.

Hier darf man aber nicht Halt machen. Das Problem geht noch viel weiter. Wenn man es zu Ende denkt.

Es gibt ja z.B. auch Menschen, die ihr Glück nicht in Karriere suchen. Es muss also ein Ende haben mit solchen Titelblättern…

FortuneSherylSandbergCover

…die hinten rum den Gedanken unterjubeln wollen, CEO zu sein sei etwas Tolles. Wieviel ermutigender wäre es, mehr davon zu sehen:

title2

Ähnlich gefährlich und schädigend ist der Anspruch, man solle immer gewitzt und lustig sein. Wie viele Frauen trauen sich nicht, in geselliger Runde den Mund auf zu machen, weil sie Angst haben, die Pointe zu versauen?
Sara Pascoe sollte also mindestens die Hälfte ihrer Gigs absagen und Frauen mit durchschnittlichem oder gar keinem Talent die Bühne überlassen. Es muss Schluss sein damit, junge Menschen mit Witz einzuschüchtern.


Es sind nicht nur Frauen, die Probleme durch normative Bilder in den Medien haben. Und da es dem Feminismus ja zu allererst um Gleichberechtigung und Gleichbehandlung aller Menschen geht, können wir hier nicht die Jungen ignorieren.

Ganz zuvorderst stehen die gänzlich unrealistischen Protagonisten im romantischen Genre. Junge Männer sehen sich nicht nur wie früher mit Ausnahmeerscheinungen wie Paul Newman konfrontiert; heute müssen sie sich sogar mit übermenschlichen Helden verglichen sehen. Kann es noch demoralisierender werden?

Hiermit muss Schluss sein:

nerd1

Wir brauchen realistische Helden:

nerd2

Schluss auch mit diesem Gift:
roman

Schwarze Wikinger in Fell und Sixpack sind unrealistisch!
Die Welt braucht Vorbilder, die nicht abschrecken, sondern einladen, weil sie realistisch sein:
held

Und so sehen wir, wenn wir Sara zur Hilfe eilen und ihren Vorschlag ausarbeiten, dass sie wirklich Recht hat: Wenn Menschen durch die Bilder in den Medien nicht eingeschüchtert werden sollen, müssen wir unsere gesamte Kultur umstülpen.

Und das ist die Arbeit wert.

Gehen wir’s an. Weg mit Romantic Comedies. Weg mit unrealistischen Bildern in unseren Zeitungen.

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