Weibliche Journalisten – Gefühle statt Fakten?

Harald Martenstein hat auf einen Artikel verlinkt, der mich etwas ratlos zurücklässt.

Der Anreißer ist:

Die Quote kommt, das Yoga wirkt, der Mann spurt – die geburtenstarken Frauenjahrgänge könnten endlich ihre Meriten feiern. Aber kaum gewonnen, zerrinnt ihr schönes Selbstbild vor den Augen all jener, die angeblich durch sie hindurchblicken. Die neue Klage lautet: Ich bin was, was du nicht siehst.

Die Autorin, Heike-Melba Fendel, ist für ihre 53 durchaus noch optisch wirksam.

Keine Ahnung, ob das was mit ihrer Empathiefähigkeit bei diesem Thema macht. Vielleicht schreibt sie ja in 10 Jahren noch mal darüber?

Wie auch immer. Der Artikel fängt damit an, dass sie in der Bahn in der Reihe hinter einem Mann sitzt, der sie nicht sieht. Allerdings nicht aufgrund irgendwelcher Präferenzen auf Seiten dess Mannes, sondern wegen einfacher Naturgesetze: Er hat keine Augen im Hinterkopf und DB-Sitze sind nicht durchsichtig.
Dieser Mann stöbert im Online-Katalog eines Bordells in Berlin. Sie macht sich nach einiger Zeit deutlich sichtbar, indem sie ihm eine öffentlich gut wahrnembare Szene macht.

Diese Einleitung hat mit dem Thema erst mal nichts zu tun, außer der Erkenntnis, dass Männer junge Frauen erotisch anziehender finden als alte (und damit auch eher bereit sind, für die Dienstleistungen einer jungen zu zahlen).

Jetzt setzt die Betrachtung der Frauen, die sich im Alter unsichtbar fühlen, ein.
Da es der Autorin anscheinend in erster Linie schmissig-metapherreiche Formulierungen geht und weniger darum, irgendeinen Standpunkt zu erklären, bin ich mir nicht ganz sicher, was sie sagen will.

Selbstwirksamkeit und Sichtbarkeit gingen so lange Hand in Hand, bis die Ressource Jugend sich zunächst ins Jugendliche verdünnte, um schließlich biographisch vollständig abgebaut zu sein. Und nun steht eine ganze Generation „Geht nicht-Gibt’s nicht“-Frauen mit beiden Beinen in der Hilflosigkeit und sucht einen Schuldigen: Für das mürbe werden des Körper und das Zermürbende des Alltags. Für das falsche Neue der Optimierer und das ignorierte Richtige der alten Besserwisserinnen. Für die Allgegenwart und Allmacht der jungen Dinger, so schön wie unsolidarisch.

Die Aussage ist irgendwas zwischen “Die sind doof” und “selber schuld”. Sein und Schein sind klar getrennt, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun und wer Wert auf Schein legt, ist halt nicht ganz dicht. Oder irgendwas in der Richtung.

Egal ob diese an selbst diagnostizierter Unsichtbarkeit erkrankten Frauen einen Mann haben, der sie liebt und sieht oder nicht – aggressiv betrauern sie den Verlust der Möglichkeit, möglichst viele haben zu können, die sie dann nicht wollen würden. Sie hungern nach der Aufmerksamkeit selbst solcher Männer, deren Pfiffe sie vormals peinlich berührten. Werber nennen das Gewährleistungsprinzip: Man zahlt einen hohen (Auf-)Preis für die Möglichkeit, etwas theoretisch tun zu können, was man praktisch nie nutzen wird, Geländewagen für Großstädter zum Beispiel.

Und so stehen sie nun nicht mehr im Scheinwerferlicht der Geländewagen, die unsichtbaren Großstädterinnen.

Was soll ich damit anfangen?

“…selbst diagnostiziert…” – Stimmt also gar nicht?
“…einen Mann haben, der sie liebt…” – Aber nicht mehr so begehrt wie früher.
“…die Möglichkeit, etwas theoretisch tun zu können…” – Das ist alles, worum es bei Aufmerksamkeit geht? Dass man Sex haben könnte? Es gab noch nie eine Frau, die mit Männern flirtet, um etwas von diesem zu bekommen, von Gefälligkeiten zu Schutz und Ressourcen?

Am Ende ist noch irgendwie Scham wie Heizungsluft im ICE und allen tut irgendwie irgendwas leid.

Wenn sie wenigstens ein paar von den Frauen verlinkt hätte, die sie hier so wortreich doof findet… Dann könnte ich vielleicht den von ihr evozierten Eindruck einer Jammerbrigade überprüfen und durch meinen eigenen Eindruck ergänzen.
Was vermutlich genau der Grund ist, weshalb die Information, von wem hier eigentlich die Rede ist, genau so unscharf bleibt wie der ganze Rest des Artikels.

Außer, dass Prostitution sich nicht gehört. Das wird ganz deutlich. Ob das die eigentliche Absicht war?

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21 thoughts on “Weibliche Journalisten – Gefühle statt Fakten?

  1. Die fehlende Linie des Artikels der Dame entspricht vielen Leitartikeln und Kolumnen. Das entspricht auch der kurzen Produktionszeit: Wenige Stunden und dann ist die Kolumne fertig. Es warten noch andere Lohnschreibereien. Falsch ist dabei vor allem der Gestus, weltbewegende Erkenntnisse abzusondern. Das kann in der kurzen Zeit nie gelingen. Es gelingt eben auch nicht innerhalb von wenigen Stunden, ein Problem zu identifizieren oder es zu durchdringen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Dame dort Mutmaßungen über “DIE Frauen” um die 50 äußert, über die sie ganz sicher kaum Daten hat. Woher auch, Forschungsprojekte dauern nun einmal Jahre. Solche Kolumnen sind nichts als Meinungsspielerei, getarnt als vermeintlich allgemein-gültige Wahrheiten.

    Zugegeben, im eigenen Blog hantiere ich ganz genauso mit Weltweisheiten ohne Zahlenfundament.

  2. “…die Möglichkeit, etwas theoretisch tun zu können…”
    – Das fand ich sehr interessant, denn es stimmt mit meinen Erfahrungen ein. Das jetzt auch mal aus der Feder einer Frau zu lesen ist irgendwie eine Erleichterung. Sex selbst ist für Frauen nicht so wichtig wie für uns Männer. Dafür ist für sie die theoretische Möglichkeit zum Sex, also das Begehren durch Männer, so überlebenswichtig wie Wasser für einen Verdurstenden.
    Daher auch diese ganzen Spielchen, die Frauen so gerne spielen.

    • “Daher auch diese ganzen Spielchen, die Frauen so gerne spielen.”

      Mein erster Gedanke: Bäh, diese gemeinen Weiber! Mein zweiter Gedanke: Wie wäre es eigentlich, wenn ich als Mann diese Möglichkeiten gehabt hätte? Würde ich dann auch Spielchen spielen, um mir selber deutlich zu machen, dass es diese “Möglichkeit, etwas theoretisch tun zu können” immer noch gibt? Ich vermute: Ja.

      • Wie soll man Selbsteinschätzung “glaubwürdig” machen?

        Es gibt Sachen, die kann ich ganz gut und unter anderem deswegen tu ich sie gerne.

        Wenn “Frauen um den Finger wickeln” zu den Sachen gehören würde, die ich gut könnte, dann würde ich es auch mit Freuden tun.

        Hinzu kommt die Vermutung, dass die Frau vermutlich mehrheitlich den Eindruck hat, dass das um-den-Finger-wickeln dem Mann auch Spaß macht. Es also kein offensichtliches moralisches Bedenken gibt.

      • @me

        Es geht mir gar nicht um Moral, sondern darum, daß es mich z.B. völlig kalt lassen würde, wenn ich wüßte, daß ich Frauen um den Finger wickeln kann – was ich übrigens bei einigen Frauen wirklich gut kann.

        Aber es interessiert mich einfach nicht die Bohne – hat es nie, wird es vermutlich nie. Daher würde ich gerne wissen, was andere Männer daran so fasziniert. Neugier ist mein Motiv.

      • “Wirklich? Kannst du deine Prognose irgendwie glaubwürdig machen?”

        Meine Annahme beruht darauf, dass ich gerne diese theoretischen Möglichkeiten besessen hätte. Vermutlich wäre es meist auch bei der Theorie geblieben. Aber das Gefühl, anders zu können, damit eine Wahl zu haben, tut (mir) gut. Insofern hätte ich vermutlich schon etwas dafür getan, zu prüfen, ob ich eine Wahl habe und dazu muss man testen, ob man noch sexuell interessant ist für das andere Geschlecht.

        Ich würde freilich sagen, dass dieses Wahl haben allgemein menschlich ist und umgekehrt, dass das Festgenagelt sein auf etwas oder jemanden eher Frustration erzeugt. Nur: Das hole ich jetzt aus der dunklen Erinnerung an Helmuth Plessner (Philosophische Anthropologie).

      • @LoMi

        “Aber das Gefühl, anders zu können, damit eine Wahl zu haben, tut (mir) gut.”

        Würdest du es so formulieren, daß der Wunsch, etwas bei anderen Personen erreichen zu können, “Wirkungen auslösen zu können” (das muß ja vielleicht gar nicht sexuell sein), etwas ist, was alle Personen, alle Menschen bewegt?

      • “Würdest du es so formulieren, daß der Wunsch, etwas bei anderen Personen erreichen zu können, “Wirkungen auslösen zu können” (das muß ja vielleicht gar nicht sexuell sein), etwas ist, was alle Personen, alle Menschen bewegt?”

        Das war eher bezogen auf Abhängigkeiten. Als Mann brauche ich einen Sexualpartner. Das macht abhängig von diesem Partner. Man kann das Empfinden entwickeln, von diesem Menschen vollständig abhängig zu sein, wenn man nicht dann und wann signalisiert bekommt, dass andere Damen oder Herren einen attraktiv finden.

        Das kann man in der Tat übertragen auf andere Kontexte: Ich habe einen Job. Das Gefühl, dass dieser Job die einzige Chance war und bleiben wird, ist frustrierend, weil man dann keine Hoffnung auf eventuelle Veränderung hat.

        Bei Plessner ist das blumig formuliert: Die “Seele” mag nicht festgelegt werden, sie ist flüchtig. Einerseits drängt sie auf Ausdruck. Dafür muss der Mensch sich eben äußern, etwas sagen, etwas tun, etwas darstellen. Aber der selbe Mensch möchte ungern fortwährend nun darauf festgenagelt werden, was er da gesagt hat. Er möchte der Flüchtigkeit seines Seelenlebens folgen dürfen. Anders im Internet mit seiner Speicherfunktion: Jede Äußerung kann einem noch Jahre nachgetragen werden. Man wird dann dadurch von anderen definiert. Im Alltagsgespräch, rein oral, ganz unschriftlich: Vieles, was gesagt wird, verflüchtigt sich, wird vergessen und die Menschen können sich dann – unbemerkt – ändern, andere Positionen einnehmen, einander verzeihen, weil sie sich nicht mehr recht an Konflikte erinnern.

      • Tja, also die Frage: Wie würde ich damit umgehen, wenn ich weibliche Privilegien hätte? Das ist ein ziemlich hoher moralischer Standard, den du da an dich anlegst. Ich finde das auch durchaus richtig.
        Bemerkenswert finde ich diesbezüglich, dass ich noch nie etwas von einer Feministen gehört habe, die sich mal gefragt hat: “Würde ich mich eigentlich anders verhalten, wenn ich die [von ihr angenommenen] männlichen Privilegien hätte?”

      • Es gibt ja die (m.W. nicht widerlegte) Arbeitshypothese, dass quasi alle Feminismus-Grundlagen aus simpler Projektion entspringen.

        Eine Feministin könnte also NACH gelungener Therapie sagen:
        “Natürlich würde ich in leitender Position meine Freundinnen und Leute meiner Schicht bevorzugen, also war klar, dass es ‘Seilschaften’ gibt”.
        “Natürlich pauschalisiere ich in meinen Ansichten über Männer und das nur selten zu deren Vorteil, also war klar, dass Sexismus ein schweres Problem ist”
        “Natürlich würde ich Gewalt anwenden, um an meine Ziele zu erreichen, wenn ich nur stark genug wäre und überzeugt wäre, keine Sanktionen zu erfahren. Also war es klar, dass es eine Rape Culture gibt.”
        “Natürlich sind Körperbau, soziale Stellung und Einkommen ausschlaggebend dafür, wie begehrenswert ich einen Mann finde, also war klar, dass Objektifizierung ein großes Problem ist.”

        Wenn wir Projektion probeweise als gegeben annehmen, dann erschließt sich daraus sofort, warum sich der Geist mit aller Macht sträubt, sich in die andere Rolle hineinzuversetzen.

      • @nachdenklicher Mann:

        “Bemerkenswert finde ich diesbezüglich, dass ich noch nie etwas von einer Feministen gehört habe, die sich mal gefragt hat: “Würde ich mich eigentlich anders verhalten, wenn ich die [von ihr angenommenen] männlichen Privilegien hätte?” ”

        Wirklich eine sehr gute Idee! 🙂

      • ““Bemerkenswert finde ich diesbezüglich, dass ich noch nie etwas von einer Feministen gehört habe, die sich mal gefragt hat: “Würde ich mich eigentlich anders verhalten, wenn ich die [von ihr angenommenen] männlichen Privilegien hätte?” ””

        Der Feminismus ist älter und daher als Bewegung professioneller. Er würde vermutlich schnell einen spin erfinden, um dieser Deiner Frage das rhetorische “Gift” zu entziehen. Wir werden es also aus Gründen der politischen Taktik nicht erleben, dass Deine Frage eine ehrliche Antwort bekommt.

        Ich selber kann mit gestanzter Kampagnenrhetorik nicht viel anfangen. Wobei ich eine Einschränkung mache: Bei den Protesten gegen Zensursula habe ich sehr wohl auch solche Memes und stereotype Kommunikationsmuster benutzt.

        Im Übrigen wird ja zuweilen auf der Masku-Seite versucht, die Kette “Femis sind unehrlich, Maskus sind ehrlich” als spin zu benutzen. Aber damit muss man leben in politischen Auseinandersetzungen.

    • “Sex selbst ist für Frauen nicht so wichtig wie für uns Männer. Dafür ist für sie die theoretische Möglichkeit zum Sex, also das Begehren durch Männer, so überlebenswichtig wie Wasser für einen Verdurstenden.”

      Das ist auch meine Beobachtung: Während die Anerkennung von Frauen für enorm viele Männer völlig belanglos ist, ist das Begehrtwerden durch Männer die Hauptwährung der weiblichen Konkurrenz unter Frauen.

      Und während die Biologisten nur biologische Quellen von Sexualität sehen, halte ich es für wesentlich, daß wie die Entwicklung weiblicher Sexualität, die offenbar solche Phänomene hervorbringt, ebenso verstehen, wie wir erklären, daß die Anziehungskraft von Frauen in den Augen der Männer nicht nur körperlich ist.

  3. Interessant, ich habe den Artikel vollkommen anders verstanden.

    Zunächst einmal ringt die Frau mit sich selbst, wie sie mit der Situation umgehen soll. Das ist das Gegenteil von “ich habe automatisch recht und weiß, was das einzig richtige hier ist”. Man beachte auch, wie sympathisch sie ansonsten den Mann schildert und wie unangenehm ihr am Ende auch ihre Reaktion im nachhinein ist.

    Ich bin mir auch nicht sicher, wie ich reagiert hätte. Ich finde es schon grenzwertig, sich im Zug am Laptop knapp bekleidete Damen in aufreizenden Posen anzusehen. Es könnte jederzeit jemand mit einem Kind auf dem Arm vorbeikommen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich auch Probleme, das zu ignorieren. Es ist immer so: Wenn irgendwo ein Fernseher läuft oder ein Computer an ist, guckt man hin. Geht zumindest mir so.

    Die Wertung dieser Frauen über 50 (und damit sind ja gerade nicht alle gemeint, sondern nur bestimmte) fällt hingegen – ganz anders als bei Bascha MIka – negativ aus. Warum sehnen sie sich jetzt nach etwas, das ihnen doch früher nie gut genug war? Sie wollen in Wirklichkeit keinen Mann, sie wollen einen Mann haben können. Anstatt die Sucht nach Aufmerkamseit zu hinterfragen, spielen sie das Spiel weiter. Schuld sind also nicht “die Männer” – und wer wollte es ihnen verdenken, dass sie sich lieber jüngere und schönere Frauen ansehen – sondern diejenigen alternden Frauen, die jenseits der Aufmerksamkeit offenbar nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen.

    Deswegen finde ich den Artikel großartig.

    • Sehe ich ähnlich. Ich habe den eigentlich auch ganz positiv aufgenommen. Nachdenklich eben, Dinge hinterfragend, ohne am Ende mit einfachen Antworten oder gar Schuldzuweisungen aufzuwarten.
      Es ist halt so, wie es ist: Männer stehen auf schöne Frauen, Schönheit verwelkt mit der Zeit, Frauen stehen darauf, von Männern begehrt zu werden und sind es gewohnt, dass das auch passiert, und wenn es nicht mehr passiert, fühlen sie sich schlecht.
      Wer ist Schuld daran? Klar, eine Bascha Mika macht es sich einfach: Die Männer und das Patriarchat mit seinen böpsen und ja auch nur konstruierten Schönheitsidealen. So einfach macht es sich Heike-Melba Fendel aber nicht. Und das finde ich gut. Ich kann dem Artikel eigentlich auch nichts entgegensetzen.

      • @Graublau und @dnM

        danke für euer Feedback. Ich bin kurz davor, an mir zu zweifeln 😉
        Jedenfalls bin ich anscheinend zu anspruchsvoll bzw voller unangemessener Ansprüche.

        Ein paar Details:

        “Zunächst einmal ringt die Frau mit sich selbst, wie sie mit der Situation umgehen soll.”

        Naja, sie sagt “Es beleidige mich zu sehen, wie er sich eine Frau zum Kauf aussucht. ”
        Da ist das Richtig/Falsch doch recht eindeutig. Es geht nicht um Kinder, die Schaden daran nehmen könnten, eine andere Brust als die der Mutter zu sehen. Es geht um ihre politische Einstellung.
        Das Zögern rührt in meiner Lesart daher, dass sie nicht weiß, ob und wie sie Polizei spielen soll.
        Aber es stimmt schon, er kommt eigentlich ganz sympathisch rüber, aus ihrer Sicht, zumal er am Ende ja auch noch mal vor ihr im Staub kriecht.

        Ich finde es recht unklar, weswegen sie am Ende “auch sorry” ist. Dass sie seinetwegen eine peinliche Situation erlebt hat? Dass sie die Situation nicht vermieden hat? Dass er auf jüngere steht? Dass sie ihm am Taxistand begegnet ist? Irgendwie alles, also irgendwie auch nichts von allem?

        “sondern diejenigen alternden Frauen, die jenseits der Aufmerksamkeit offenbar nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen.”

        Das empfinde ich als ausgesprochen flache Interpretation des Verlustes dieser Frauen über 50. Diese Frauen haben schließlich wirklich etwas Handfestes verloren, etwas, womit sie ihr Leben lang gearbeitet haben, worauf sie sich ihr Leben lang verlassen haben.
        Und nun ist es weg.
        Das ist also vielleicht vergleichbar damit, wenn plötzlich und unvermutet das Konto leer ist und die sicher geglaubten Aktien keine Rendite mehr abwerfen.
        Weibliche Schönheit ist Kapital.

        Die Dummheit der Frauen liegt nur in der feministischen Verblendung, dass es nicht so wäre also auch nichts fehlen könnte und infolgedessen das Ausnutzen unbewusst passiert, so dass es einem erst auffällt, wenns zu spät ist.

        Ich finde daher, die Autorin tut den Frauen unrecht.

        Sie schiebt ja sogar einen Ansatz eines Vorschlags für eine Lösung ein:
        “Egal ob diese (…) Frauen einen Mann haben, der sie liebt und sieht oder nicht”
        Zuerst das “..oder nicht”: Ja, was soll es ihr denn bringen, wenn sie keinen hat? Wenn sie für Männer unsichtbar geworden ist, wie soll sie denn dann doch noch einen bekommen? Wenn sie keinen hat, aber unsichtbar ist, ist doch die Klage darüber zu 100% gerechtfertigt!?
        Und wenn sie einen hat, dann erinnert sie das Unsichtbarsein daran, dass eine wesentliche Anziehungskraft, die sie früher auf ihren Mann hatte, jetzt weg ist. Es ist eine Frage im Einzelfall, ob da noch genug übrig ist, dass der Mann auch bei ihr bleibt. Auch hier also ist Angst ggf. vollkommen berechtigt.
        Kein Geländewagen weit und breit.

        Aussehen ist wichtig in der Beziehung zwischen Mann und Frau. Es ist nicht einfach, fehlendes Aussehen mit Persönlichkeit zu kompensieren, schon gar nicht in der heutigen, westlichen Welt.

        Mit anderen Worten: Diese Frauen beklagen ein echtes Problem.
        Frau Fendels Reaktion darauf ist letztlich nur “Mein Gott, sind die oberflächlich.”

        Das lässt mich persönlich ausgesprochen unbefriedigt zurück.

        Und was die Geschichte mit dem Bordell soll, weiß ich immer noch nicht. Für die Aussage “Männer bevorzugen junge Frauen” ist sie ein denkbar schlechtes Beispiel.

        Insofern: Ja, sicher, sehr viel besser als Bascha Mika.
        Aber das sagt ja erst nicht mehr aus als “friedlicher als Dschingis Khan”, oder?

      • @me

        Na, dann erkläre ich meine Interpretation noch ein wenig.

        Der Dame ist die Situation unangenehm (mir ginge es auch so). Eine politische Einstellung sehe ich da nicht zwingend. Es geht zumindest im Intimes, das öffentlich gemacht wird. Das, was der Typ da macht, findet sie nicht richtig (ich auch nicht), aber daraus folgt nicht automatisch, wie man damit umgehen soll (und da sehe ich schon den Riesenunterschied zum radikalen Feminismus, der für sich herausnimmt, eindeutig gut zu sein und beliebige Maßnahmen beschließen zu dürfen).

        Dass es ihr am Ende leid tut, rührt nach meiner Lesart daher, dass sie ihm dann doch die große Szene gemacht hat, anstatt das etwas dezenter anzusprechen. So etwas kenne ich auch: Wenn mich etwas stört und ich es nicht mehr aushalte, werde ich lauter, was ich im nachhinein bereue, weil es übertrieben war und es den anderen in ein schlechtes Licht gestellt hat, was er einfach nicht verdient hatte.

        Zu den Frauen über 50 (es sind ja nicht alle gemeint, was sehr wichtig ist). Im Gegensatz zu Konto und Aktien wäre für sie absehbar gewesen, dass Schönheit irgendwann einmal vorbeigeht. Daher hält sich auch das Mitleid in Grenzen.

        Ich interpretiere die Auffassung der Autorin so: Frauen, die sich früher in Aufmerksamkeit sonnten, denen die Männer aber größtenteils nicht gut genug waren, sollen sich bitte nicht beklagen, wenn sie über 50 werden und nicht mehr Aufmerksamkeit genießen. Sie hätten doch in der Phase der Aufmerksamkeit Zeit gehabt, sich einen Mann zu suchen, der dauerhaft bei ihnen bleibt. Aber damals waren sie ja alle nicht genug. Also bitte keine Klagen, wenn der Zirkus weiterzieht und das Rampenlicht woanders ist. Und einer Frau, die vorher gnadenlos mit den Männern umging und sich nicht binden sollte, widerfährt kein schreckliches Unrecht, wenn nun die Männer ebenso gnadenlos woanders hinsehen und sich nicht mit ihr binden wollen. Zu einer Beziehung gehören Kompromisse, nicht sich jeweils das beste heraussuchen.

      • @Graublau,

        ich stimm dir ja eigentlich in allen Punkten zu.
        Aber das steht da nicht. Das ist alles in unserem Kopf.
        Sie deutet ja nur an. Legt sich in nichts fest.

        Aber, und da haben du und dnM recht, sie ist sehr sehr viel verständiger als eine Durchschnittsfeministin.

        Und – auch da habt ihr recht – das sollte man eigentlich honorieren.

        Aber Schwurbel ists trotzdem. :-p

  4. “Aber Schwurbel ists trotzdem.”

    Es ist Schwurbel. Das ist aber kein Feminismus-Problem, sondern ein Journalismusproblem. Sie hat halt mit heißer Nadel eine Kolumne zusammengestrickt, die nur “funktioniert”, weil sie im Ungefähren bleibt. Wäre der Text konkreter, wäre offenbar, dass ihm die These und der rote Faden fehlt, auch wenn interessante Themen angesprochen werden. Darüber wird mit Rhetorik hinweggetäuscht. Das ist nicht selten in journalistischen Kolumnen und ist eigentlich ein Zeichen dafür, dass insgesamt zu wenig in handfest Recherchiertes investiert wird.

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