Was das Web 2.0 antreibt

Der Selbermachsamstag von gestern, vor allem dieser Thread, erinnerte mich an einen Artikel, den ich vor ein paar Jahren gelesen habe. Der Link ist längst verschollen, aber die Erinnerung an die Kernaussage ist frisch.
Der Autor stellte nämlich die Vermutung an, dass das Web 2.0 mit Blogs und Kommentarsträngen und Twitter und anderem Interaktionsmöglichkeiten in allererster Linie deswegen so erfolgreich ist, weil quasi alle Menschen einen ganz mächtigen Gedanken/eine alles überlagernde Einstellung haben:

“Warum haben die mich nicht gefragt? Ich hätte es besser gewusst.”

Früher war dieser Gedanke ein treibender Motor von Stammtischen. Heute treibt er das Web.

Das ist natürlich nicht die einzige Motivation, auf einem Blog zu kommentieren. Es gibt zum Beispiel auch die Möglichkeit, durch Fragen, Vermutungen schreiben, andere Meinungen hinterfragen das Ziel der eigenen Erkenntniserweiterung zu verfolgen. Frei nach Kleist: “Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich lese, was ich schreibe.”
LoMi ist m.E. so einer. Nicht “Das ist falsch”, sondern “Das scheint mir widersprüchlich.”
Für viele aber ist “Ich hab recht. Ich weiß das.” unverzichtbar.

Ohne dieses Erklärungsmodell bleibt ganz viel argumentfreie Rechthaberei im Netz unverständlich.

Interessanterweise gibt es grad heute einen Artikel von Steve Sailer zu dem Thema.

. Ever since I started reviewing books and doing medico-legal work I have cultivated my inner pedant. The inner pedant in all, or at least in many, of us is that inner creature that takes delight in pointing out the errors of others, not so much because he loves truth as because he likes to advertise his own cleverness and knowledge. But of all the many forms of pride, that in knowledge and cleverness is the most vulgar, because knowledge and cleverness should lead to wisdom and modesty rather than pride. After all, knowledge is always finite, ignorance infinite, and this is true even for the most knowledgeable person in the world. In fact, it is obvious.

Ich dachte früher immer, ich sei einer der größten Klugscheißer unter der Sonne. Das Web hat mich eines besseren belehrt. Ich bin nur Durchschnitt. Das Ziel sollte sein, unterdurchschnittlich zu werden.

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4 thoughts on “Was das Web 2.0 antreibt

  1. “Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich lese, was ich schreibe.”

    Ich dachte bisher, daß “Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich höre, was ich sage.” sei von Wittgenstein. Woher weißt du, daß deine Version von Kleist stammt?

  2. “Für viele aber ist “Ich hab recht. Ich weiß das.” unverzichtbar.”

    Ich finde es wenig naheliegend, den Wahrheitsanspruch einer Behauptung als sicheres Zeichen einer bornierten Selbstüberschätzung einzustufen.

    Vielmehr gilt: Wer meint recht zu haben, kann sich irren. Wer sich irrt, kann aus der Art und Weise seines Fehlschlags etwas darüber lernen, wie man es besser machen muß. Wer sich demütig jeder Meinung enthält, bleibt doof.

    Wer am schnellsten aus seinen Fehlern lernt, gewinnt. Dieser post ist ein Fehler. Ich habe recht.

    Schauen wir mal, was nun passiert.

    • “Schauen wir mal, was nun passiert.”

      Nichts.

      Falls du eine These aufgestellt hast, die meinem Post widerspricht, habe ich sie nicht verstanden.

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