Geschichte heißt auch, dass Perspektiven relativ sind: Botticellis Primavera

Ich habe grad eine Doku zu Boticellis Primavera gesehen. Einen Aspekt dabei kannte ich nicht, dabei ist er eigentlich als Hintergrundwissen für jede Diskussion zur Rape Culture, meines Erachtens jedenfalls, interessant.

Das Bild wurde in Auftrag gegeben (vermutlich) anlässlich der Hochzeit von Lorenzo di Pierfrancesco und Semiramide Appiano und man kann davon ausgehen, dass es im Schlafzimmer des Paares hing.


Die beiden Gestalten ganz rechts sind Zephyr und Chloris, deren Geschichte von Ovid in Buch 5 der Fastis geschildert wird. Ich habe keine deutsche Übersetzung aus dem Lateinischen gefunden, also muss hier die englische reichen.

I was Chloris, a nymph of those happy fields,
Where, as you’ve heard, fortunate men once lived.
It would be difficult to speak of my form, with modesty,
But it brought my mother a god as son-in-law.
It was spring, I wandered: Zephyrus saw me: I left.
He followed me: I fled: he was the stronger,
And Boreas had given his brother authority for rape
By daring to steal a prize from Erechtheus’ house.
Yet he made amends for his violence, by granting me
The name of bride, and I’ve nothing to complain of in bed.
I enjoy perpetual spring: the season’s always bright,
The trees have leaves: the ground is always green.
I’ve a fruitful garden in the fields that were my dower,
Fanned by the breeze, and watered by a flowing spring.
My husband stocked it with flowers, richly,
And said: “Goddess, be mistress of the flowers.”

In Kürze: Chloris war von so schöner Gestalt, dass es schwierig wäre, in Bescheidenheit von ihr zu sprechen. Der Westwind Zephyr war so hingerissen von ihr, dass er sie verfolgte und mit Gewalt nahm.
Als Wiedergutmachung hat er sie geheiratet und zur Göttin der Blumen, Flora gemacht.
Flora ist zufrieden in ihrer Ehe und mit ihrem Mann.

Diese Wandlung von Nymphe in Göttin der Blumen ist auch im Primavera dargestellt:

Ein Hochzeitsgeschenk, das eine Vergewaltigung darstellt. Das ist für viele heutige Ohren unvorstellbar.

Und dabei war das nicht mal ungewöhnlich.

In der Doku heißt es:

The depiction of rape or other forms of (sexual) violence was quite commonly used in gifts to married couples in form of paintings to be hung in the chamber of the married couple.

Als Beispiel wird die Geschichte von Nastagio Degli Onesti genannt, die auch als Hochzeitsgeschenk bei Botticelli in Auftrag gegeben wurde. Ein Zyklus von vier Bildern.




Auch hier geht es wild zu und endet mit einer glücklichen Hochzeit.

Und das im Wesentlichen ist wohl auch die Message dieser Bilder für arrangierte Hochzeiten: Auch aus Ungemach kann eine glückliche Ehe entstehen.

Interessant finde ich den Kontrast zur heutigen Hysterie.

Heute: “Das schlimmste aller Verbrechen!” und “Die gesamte Gesellschaft muss umgekrempelt werden, damit das nicht mehr passiert!!” und “Am besten sperren wir jeden ein, der auch nur im Verdacht steht, dass er so was machen könnte!!!”.

In der Renaissance: “It’s a fact of life. Das ist vielleicht nicht schön, aber es ist. Die größte Macht der Frau kann ihr Untergang sein oder – auch auf Umwegen – ihr Schlüssel zum Glück.”

Ich sehe nicht, dass ich die heutige Hysterie jemals verstehen werde.
Wie kann eine Vergewaltigung zum Beispiel für schlimmer befunden werden als jahrelang unschuldig in Guantanamo eingesperrt zu werden?

Ich höre schon die “Misogynie” Rufe… Was soll man auch sonst rufen, wenn man sein Gefühl nicht begründen kann?

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8 thoughts on “Geschichte heißt auch, dass Perspektiven relativ sind: Botticellis Primavera

  1. Der Sadmasochismus war die treibende Kraft bei Michel Foucault. Ich vermute, dass er für sich die Rolle des Masochisten den Vorzug gegeben hat. BDSM ist eine Rationalisierung, um aus diesen Untiefen schöpfen zu können. Der Feminismus als Massenbewegung ist theoretisch viel zu unterbelichtet, um dieses “Spiel der Kräfte” in seine Ideologie bewusst zu integrieren. Dein Beitrag ist aus der Perspektive des Mainstream-Feminismus die Propagierung von Rape-Culture, obwohl die feministische Ideologie den Sadomasochismus durch die Opferstellung der Frau als Strukturelement in seinem Denken fest implementiert hat. Feministisches Denken ist Widerspruchsdenken, weil es auf unbewusste Kräfte aufbaut, um sich dann von deren Wirkung zu distanzieren – so wie die Wirkung einer Kraft immer auch eine Gegenkraft erzeugt, reagiert eine Feministin wie eine Gegenkraft und distanziert sich permanent vom eben Gesagten. Diesem Schicksal kann sie nicht ausweichen, weil sie ein autonomes Subjekt, welches dieses “Speil der Kräfte” beherrschen könnte, ablehnt.

  2. “Geschichte heißt auch, dass Perspektiven relativ sind”

    Alleine das scheint doch vielen Feministinnen gar nicht klar zu sein. Viele Jobs in denen Frauen heute arbeiten gab es vor 50 Jahren noch nicht. Schon wenn man sich die Sparte der Erzieher und Altenpfleger ansieht. Die Kinder und Alten wurden früher in einem Mehrgenerationenhaushalt von ihren Angehörigen betreut und nicht in irgendwelchen Einrichtungen von ausgebildeten Personal.

    Oder wie umfassend die Mikrochiptechnologie Einfluss auf den Arbeitsmarkt hat. Das scheint denen gar nicht bewusst zu sein. Die Gesellschaft wie sie heute ist, wurde zum großen Teil nur durch technologischen Fortschritt ermöglicht, durch das Ersetzen der Körperkraft durch Maschinenkraft, durch das Automatisieren alltäglicher Aufgaben.

    Es wird der Zustand von heute hergenommen, mit seinen Lebensentwürfen und der gängigen Moral, und als Maßstab für die Bewertung der Vergangenheit verwendet, ohne den historischen Kontext mit zu berücksichtigen.

    • “Alleine das scheint doch vielen Feministinnen gar nicht klar zu sein. ”

      Ich hatte konkret Mutter Sheera im Sinn, die ohne jegliche Skrupel oder Zweifel Leute von vor 100 oder 200 Jahren mit ihren moralischen Maßstäben bewertet.

      Aber auch “Menschenrechte” werden gern als absoluter Wert gesehen, der keine Diskussion und vor allem kein Verständnis für Andershandelnde zulässt.
      Man kriegt die Religuon einfach nicht aus den Menschen raus, in irgendeiner Form hat sie jeder.

  3. NIcht vergessen: hier sind auch Metaphern im Spiel. Der Westwind ist kein Mann, sondern eben ein Wind. Der Wind ist eine Naturkraft.
    Auch Zeus vergewaltigt ja oft. Aber auch er ist eine Metapher für ein zeugendes Prinzip, für eine Kraft, die Dinge erschafft.

    Ich vermute, dass solche Subtilitäten dem Feminismus nicht mehr auffallen.

    “Ich hatte konkret Mutter Sheera im Sinn, die ohne jegliche Skrupel oder Zweifel Leute von vor 100 oder 200 Jahren mit ihren moralischen Maßstäben bewertet.”

    Ja, das ist strunzdoof und jeder Historiker würde sich die Haare raufen.

    • Ich halte es für einen großen Fehler, ein ethisches Thema mit juristischen Konzepten klären zu wollen.
      Moralisch falsch ist nicht nur, was auch justiziabel ist.

      Ansonsten klingt deine Frage auch nach dem dritten Lesen noch wie: “Wenn man alles Schlimme nicht betrachtet, was bleibt dann noch Schlimmes übrig?”
      Wahrscheinlich fehlt mir nur eine stillschweigend gedachte Prämisse…

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