Gender Tax, im Ernst?

Ich bin heute in meinem Tumblr auf eine Bildserie gestoßen.

Das Bild, auf dem Sie ein Schild “This is what a feminist looks like” hoch hält konnte ich leider nicht finden.

Ich weiß, das Thema ist nicht neu. Das tragische Kind oben ermunterte mich aber, nach einer Antwort auf die meines Erachtens unmittelbar naheliegende Frage zu finden:
Warum kaufst du dann nicht den Männer-Rasierer?

Rhiannon Lucy Cosslett vom Guardian kommentiert.
Der Artikel fängt an mit

Es kommt der Punkt im Leben jeder Frau, an dem sie merkt, dass sie betrogen wird.

Bei Rhiannon war dieser Moment, als sie den besseren Rasierer ihres (anscheinend männlichen) Mitbewohners ohne zu fragen benutzte, um ihre Beine für den nebenan wartenden Liebhaber zu glätten.

Der Rest des Artikels sind Ausführungen zu dem Paradoxon, dass Frauen weniger verdienen (Gender Pay Gap, natürlich), aber mehr ausgeben. Zumindest für Beauty-Produkte und Mode Accessoires.

Die Frage, warum Frauen das tun, wird nicht beantwortet. Immerhin schreibt der Fotoredakteur unter den Aufmacher: “Frauen müssen kapieren, dass sie auch Männer-Rasierer und Deos kaufen können.” Keine Ahnung, wie das durch die Schlussredaktion rutschen konnte, denn im Artikel kommt der Gedanke nicht vor. Lediglich der Gedanke, dass Frauen weiterhin mit Extrawürsten marketingmäßig adressiert werden sollten, ohne extra zu bezahlen.

Sophie Woodward, Soziologie Dozentin in Manchester, bezieht auch Stellung. Es fängt aber leider nicht vielversprechend an.

Frauen bekommen für die gleiche Arbeit weniger Gehalt als Männer, obwohl es den Equal Pay Act gibt.

(…)

Dass Frauen weniger Geld bekommen, gleichzeitig aber mehr bezahlen sollen, zeigt, wie sehr der heutige Kapitalismus ungerechte Behandlung von den Geschlechtern produziert und zementiert.

Aber es geht ja nicht nur ums Geld an sich. Der Kapitalismus ist auch schuld, dass Frauen Beauty-Produkte für eine Notwendigkeit halten. Kurz zusammengefasst: Der Kapitalismus zwingt Frauen, sich überteuerten Unsinn zu kaufen und diese können sich nicht dagegen wehren, müssen aber mehr bezahlen als Männer, die sich überteuerten Unsinn kaufen. (Oder ist es eine Notwendigkeit, dass Männer sich rasieren? Ich bin nicht sicher.)

Dabei haben bereits Second Wave Feministinnen über rasierte weibliche Zonen diskutiert, und schon wieder – oder immer noch – ist es ein Rasierer, der kulturelle Bedeutungen und Praktiken ins Bewusstsein bringt. Hat der Feminismus in den letzten 40 Jahren denn keine Fortschritte gemacht?

Was ich nicht gefunden habe: Warum machen Frauen das? “Gehirnwäsche durch den Kapitalismus” überzeugt mich nicht so sehr. Ich halte Frauen im allgemeinen für mündiger. Oder irre ich mich?

Im Artikel von Melodie Bouchaud gibt es einen Absatz, der ganz allein und verloren in der Mitte des Artikels ein zusammenhangloses Dasein fristet:

Monoprix [das französische Kaufhaus, bei dem die Preisunterschiede zuerst festgestellt wurden] behauptet in einer Stellungnahme, dass der Unterschied in der Preisgebung durch höhere Produktionskosten und geringere Verkaufszahlen verursacht würde.

Der Absatz wird nicht vorbereitet und nicht wieder aufgenommen. Davor und danach geht es nur darum, wer alles festgestellt hat, wie ungerecht es ist, dass Frauen weniger verdienen, aber mehr bezahlen.

Danielle Warchol hat recherchiert: 10 Dinge, die für Frauen teurer sind als für Männer.

Reinigung. Eine Bluse kostet mehr als ein Hemd.
Seifen und Shampoos
. Ein anderer Geruch verdoppelt den Preis.
Deos. Die Hersteller behaupten, dass Frauendeos teurer in der Herstellung seien, aber der Unterschied sind doch nur die Duftstoffe!?! Das kann gar nicht sein.
Rasierschaum.
Neue Autos. Hier kommt der fiese Kapitalismus wieder durch: Autohändler gehen davon aus, dass Frauen keine Ahnung von Autos haben und zwingen die Frauen somit, höhere Preise zu bezahlen.
Healthcare. Das ist tatsächlich ganz interessant: Frauen zahlen in USA rund 1 Milliarde Dollar mehr in die Healthcare als Männer. Da ist das deutsche System in der Tat gerechter, wo Männer ein paar Milliarden mehr einzahlen, Frauen aber ein paar Milliarden mehr rausholen. Das muss man zugeben.
Kredite. Marie Claire hat herausgefunden, dass Frauen höhere Zinsen zahlen, anscheinend unabhängig vom credit rating. Ein Erklärungsansatz wird nicht genannt.

Der Rest ist langweilig, da es nicht über die Einstellung hinausgeht, die zum Problem mit den Reinigungen geäußert wird: Es werden alle möglichen Ausreden angeführt, warum manche Stücke teurer zu reinigen sind als andere, aber das ändert nichts daran, dass Frauen mehr bezahlen!

Komm mir nicht mit Fakten!

Von vorgestern ist dieser Artikel, der auch anfängt mit

Nicht nur verdienen Frauen weniger als Männer – sie müssen für das gleiche Zeugs auch mehr bezahlen.

Aber Feministinnen sind auc heute immer noch nicht über den Punkt hinaus, sich über die allgemeine Ungerechtigkeit der Welt aufzuregen, um endlich die interessante Frage zu stellen: Warum, warum, warum machen Frauen das?

Warum sind Frauen bereit, 25% mehr zu bezahlen, wenn dafür die Verpackung pink ist?

Und warum ist das ein Problem, wenn die billige Alternative doch direkt daneben steht?

Es ist ja nicht so, dass Frauen nicht die Wahl haben!

Es bleibt also, wie immer, der Eindruck: Ich brauche Feminismus, damit meine Entscheidungen – egal welche – mich nichts kosten.

Ja, das klingt echt gerecht.

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10 thoughts on “Gender Tax, im Ernst?

  1. Starker Beitrag – danke dafür!

    Was mich an diesen frauenbewegten Kampagnen immer wieder verblüfft: Die sind meist sehr gut gemacht und auf den ersten Blick sehr überzeugend! Die Bilder oben und die Texte dazu sind doch wirklich pfiffig! Wenn ich nicht den Kommentar und die Analyse von only_me gelesen hätte, würde ich spontan sagen: “Stimmt eigentlich – warum müssen Frauen für denselben Scheiß soviel mehr bezahlen als Männer?”
    Und da erinnert mich only_me daran: Müssen sie doch gar nicht! Es ist doch genau wie bei anderen Produkten, Brot z. B.: Es gibt verschiedene “Modelle” / Varianten, und jeder kann sich das raussuchen, was ihm am besten gefällt und was er sich gerade noch leisten kann. Und wenn ich mir das schlechteste Produkt mit der verrücktesten Packung raussuche, dann ist das möglicherweise doppelt so teuer wie ein gutes Produkt in einer 0-8-15-Verpackung – es ist meine Wahl!
    Warum also kann eine Frau nicht die billigere Variante “für” Männer kaufen? Viele Männer würden sich ja auch Tampons kaufen, wenn das irgendwie nützlich für sie wäre … Ich will ein bestimmtes Ergebnis und kaufe dazu das passende Produkt – egal, ob das nun für Männer oder für Frauen oder für Zombies angeboten wird.
    Aber nochmal: diese Feministen-Kampagnen sind meist sehr ansprechend und überzeugend! Als ich zum ersten Mal ein T-Shirt mit dem Spruch “My Pussy – My Choice!” gesehen habe, dachte ich spontan: “Recht hat sie! Genau!”
    Nach ungefähr fünf Jahren kam mir dann die Frage in den Sinn: Gibt’s eigentlich irgendwen, der mal behauptet hätte: “Your pussy – another woman’s choice!”? Oder etwa: “Your Pussy – Sanct Peter’s choice!”? Also warum muß dann unbedingt jedem Gesprächspartner diese Binsenwahrheit vor Augen geführt werden: My Pussy – My …? Was ist die Pointe? Soll dem Gesprächspartner etwa unterstellt werden, daß er in dieser Frage irgendwelche irrigen Meinungen oder gar Erwartungen hegt? Warum soll ihm das unterstellt werden?
    Kann ich etwa hergehen und jedem Gegenüber unmißverständlich klarmachen: “My right ear – my choice!”? Klar kann ich das – nur daß mich dann eben jeder normale Mensch für einen Idioten halten wird. Also warum hält niemand eine Frau mit so einem T-Shirt für eine Idiotin?
    Wie kommt es, daß man mit solchem Schwachsinn nicht nur nicht aneckt, sondern sogar noch ganz groß rauskommen kann: als besonders emanzipiert und fortschritlich?
    Sehr seltsam! Vielleicht hat das etwas mit doppelten Standards zu tun …

  2. Das nennt sich kapitalistische Gerechtigkeit: Der Konsument, der zu dumm ist, um herauszufinden, dass er für seine Bedürfnisse ein anderes, billigeres Produkt benutzen kann (ohne Qualitätseinbußen), muss den höheren Preis zahlen.

    Ein einziges Bild hätte gereicht: “Leute, nicht vergessen: Ihr könnt zum Rasieren Männerrasierer nehmen, die kosten weniger!” Wäre als praktischer Lebenstipp des Tages durchgegangen.

  3. Dumme Frage: Wieso kommt die Dame überhaupt auf die Idee, die ungünstige Packung sei für Frauen und die günstige für Männer? Beide sind ziemlich bunt mit blau und rot drin, und von Men only oder Ladies only steht nichts drauf, soweit ich das lesen kann.

    Außerdem hat sie versäumt, den heteronormativen Skandal anzuprangern, daß es keine Packungen für Intersexuelle gibt!!

    Vor einiger Zeit gab es übrigens schon einmal einen ähnlichen Skandal wegen männlichem und weiblichem Rasierschaum.

    • > Außerdem hat sie versäumt, den heteronormativen Skandal anzuprangern, daß es keine Packungen für Intersexuelle gibt!

      Genial! 😛

  4. Nochmal zurück zur Frage von only_me “Warum machen Frauen das?”. Was macht denn die Frau in den Bildern oben falsch? Gar nichts. Sie macht alles richtig! Sie hat ein Problem (“Wie erwerbe ich einen preiswerten Rasierer?”), und sie verwendet ihre Intelligenz nicht etwa darauf, dieses Problem zu lösen, sondern sich an Hand dieses Problems in besonderer Weise in Szene zu setzen (unschuldige Frau ist dazu veruteilt überteuerten Frauen-Sch…ß zukaufen). Und genau diesen Twist werden Männer wohl nie verstehen: Wie man ein Problem dazu verwenden kann, sich auf entsprechende Weise in Szene zu setzen – ansatt seine Intelligenz darauf zu verwenden, dieses Problem zu lösen. Frauen ticken so. Darin besteht ihre Intelligenz.

    In einem Partnerschafts-Ratgeber habe ich mal gelesen, der Mann solle, wenn seine Partnerin von irgendwelchen Problemen, z. B. auf der Arbeit, berichtet, nicht etwa irgendwelche Ratschläge geben (“Beschwer’ Dich doch beim Betriebsrat”). Das würde die Frau nur einschränken. Der Mann solle besser die Frau dazu ermuntern, weiter von ihrem Problem und ihren Gefühlen dabei zu erzählen. Genau das ist es! Probleme sind nicht zum Lösen da – sie sind dazu da, von ihnen zu erzählen und von den Gefühlen, die frau dabei hat. Weniger freundlich ausgedrückt: sie sind dazu da, um sich entsprechend zu inszenieren.

    Jetzt mal allgemein gefragt: Wann geht es jemandem gut? Ich würde sagen: wenn jemand keine Probleme hat. Mag sein. Aber es gibt noch eine bessere Antwort: wenn jemand diverse Probleme hat, es sich aber leisten kann, diese Probleme nicht etwa zu lösen, sondern über diese Probleme zu lamentieren, zu schwadronieren, zu polemisieren usw. In diesem Sinne geht es der Frau oben in den Bildern ziemlich gut. Die weiß einfach, wie man’s macht.

  5. “Nicht nur verdienen Frauen weniger als Männer – sie müssen für das gleiche Zeugs auch mehr bezahlen.

    Aber Feministinnen sind auc heute immer noch nicht über den Punkt hinaus, sich über die allgemeine Ungerechtigkeit der Welt aufzuregen, um endlich die interessante Frage zu stellen: Warum, warum, warum machen Frauen das? ”

    Weil sie es können, weil die Differenz zwischen Einkommen und Konsumausgaben immer noch von dummen Männern beglichen wird. Es liegt ja ökonomisch auf der Hand, dass, wenn es sich um einen ernstlichen Zwang handeln würde, zunächst Männerrasierer gekauft würden und bei einer weiteren Verschärfung des Zwangs schlicht die Haare sprießen würden. Es ist aber kein Zwang. Das Geld für Frauenrasierer, Nagellack, Schuhe etc. ist da und es fließt. Wenn man selbst darüber noch jammern kann, was gibt es schöneres?

    Die Unterschiede bei Kreditzinsen rühren genau daher: Bonitätsprüfungen beruhen, jedenfalls in Ländern mit Steuergeheimnis, auf stark kaufkraftlastigen Bewertungsverfahren. Während bei Männern im Durchschnitt die persönliche Kaufkraft ein Minus der für die Rückzahlungsfähigkeit wesentlichen Erwerbskraft ist (sprich: sie sind unterhaltspflichtig oder unterhalten zumindest faktisch), ist es bei Frauen umgekehrt. Ein durch Kaufkraftdaten ausgewiesenes Einkommen, als dessen Grundlage unentgeltliche Zuwendungen Dritter angenommen werden muss, ist für Gläubiger mit einer großen Unsicherheit behaftet (für die Frau zugegebenermaßen auch, Stichwort Armutsrisiko Alleinerziehender, aber die ist ihres Glückes Schmied).

  6. Pingback: Warum halten sich teuerere Frauenprodukte am Markt? | Alles Evolution

  7. Der Punkt mit den Autos wundert mich tatsächlich. Gerade bei Autos gibt es doch recht wenige, die als Frauen- oder Männerautos zählen und dann sind meist die typischen Männerautos teurer, weil größer, stärker motorisiert etc.
    Wie zahlen Frauen also mehr für Neuwagen als Männer?

  8. Pingback: Wie alt ist die durchschnittliche Feministin? | Meinungen und Deinungen

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