Männliche Privilegien im 2. Weltkrieg

Die Tagesschau erinnert heute an den Brünner Todesmarsch und zeigt mal wieder die patriarchale Dividende auf:

Der Racheakt der Revolutionsgardisten traf vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen.

Glücklich, wer im Krieg ein Mann ist. Er bleibt von Todesmärschen verschont.
… äh …

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Die männliche Gesellschaft überwinden, um die menschliche Gesellschaft zu erlangen, Ein Praxisbericht

Eine Geschichte aus England.

Ein Junge spielt mit einem Freund “Ritter und Drache” und nimmt ein Lineal als Schwert.

Eine Lehrerin findet das problematisch und berichtet den “Vorfall” der Schulleiterin

Die Schulleiterin findet den “Vorfall” problematisch und ruft die Polizei.

Die Polizei findet den “Vorfall” problematisch und schickt Beamte zur Schule.

Die benachrichtigte Mutter findet den “Vorfall” problematisch und redet mit ihrem Sohn, dass er solche dummen und gefährlichen Spiele nicht spielen sollte.

Wieso hat es diese Geschichte in die Zeitung geschafft?

Weil Jungs heute nicht mehr Jungs sein dürfen?

Weil eine Schulleiterin völlig ohne Reflektion eine “sichere Umgebung” für ihre Schüler wichtiger findet als eine respektvolle, eine, in der man Phantasie entfalten kann, in der man Dinge ausprobieren kann, in der man was lernen kann?

Weil auch die Mutter ihrem Sohn einbläut, er solle lieber nichts ausprobieren, es könnt ja was passieren?

Nein, weil die Mutter das mit der Maßregelung zwar richtig, aber das mit der Polizei übertrieben findet. Für die psychische Störung ihres Kindes ist alleine sie verantwortlich!

Ich will nicht in einer menschlichen Gesellschaft leben, wenn die so aussieht.

Chris Pratt brilliantly takes the piss

Tschullijung für die englische Überschrift, keine Ahnung, wie man das besser auf Deutsch sagen könnte.

Ich möchte schon jetzt demütigst für das um Entschuldigung bitten, was ich unweigerlich versehentlich und unbedacht auf der kommenden Jurassic World Press Tour am Ende gesagt haben werde, was auch immer es ist. Ich hoffe, Sie verstehen, dass es niemals meine Absicht war, jemanden zu beleidigen und es tut mir aufrichtig leid. Das schwöre ich. Ich bin echt der netteste Kerl unter der Sonne, wirklich. Und ich bedaure, was ich (werde) gesagt habe(n) in den Interviews (im In- und Ausland).

Ausreden sind nicht mein Ding. Ich bin lediglich dumm. Ganz einfach. Ich geb mir Mühe. WIRKLICH. Wenn ich (voraussichtlich) diese dumme Handlung begehe(n werde), die mir (jetzt schon vorab) leid tut, hoffe ich auf Ihr Verständnis, dass ich (aller Voraussicht nach) müde bin (gewesen sein werde) und erschöpft, wenn ich (wie anzunehmen ist) die Sache sage(n werde), die ich (ge)sagt( haben werde), womit ich die Grenze überschritten habe(n werde). Diese Veranstaltungsräume sind stickig und die Handwerker, die schwer schuften, um diese Pressekonferenzen zu ermöglichen, brauchen etwas Unterhaltung. Meine geschmacklose und unprofessionelle Bemerkung war (wird voraussichtlich) dem ungeschickten Versuch der Aufheiterung dieser Leute geschuldet (sein).
Glauben Sie mir. Ich weiß, dass man das nicht mehr sagen sollte. Tatsächlich bin ich überzeugt, dass es nie OK war zu sagen, was ich definitiv nicht sagen werden will, aber doch vermutlich werde gesagt haben.
An die gerichtet, die ich verletzt habe(n werde), bitte glauben Sie mir, wie aufrichtig und untertänigst es mir (jetzt schon) leid tut. Ich weiß, dass der Gegenstand meines (voraussichtlich eintretenden) Fehlers, der “JurassicGate” genannt (werden) wird, kein Anlass für Witze ist. Den Opfern meiner Dummheit sei gesagt, dass ich alles in meiner Macht stehende tu(n werde), um diesen Faux-Pas (in Zukunft) zu verhindern.

Sehr, sehr schön.
Vorabentschuldigungen sind sehr angemessen ridikülisierend.

Ich hoffe, die, die hier veräppelt werden, sind drob recht doll offended.

Gruppendenken nach Jonathan Haidt

Vorwort: German Joys ist ein interessanter Blog, der den Blick eines Amerikaners auf Deutschland protokolliert.
Im aktuellen Beitrag zitiert er einen Psychologen Jonathan Haidt, der feststellt, dass Leute aus der Ingroup im Allgemeinen ein automatisches Maß an Heiligkeit bekommen, was bedeutet, dass sie nicht kritisiert werden dürfen, weder von innen und schon gar nicht von außen.

Das fand ich als Gedanken interessant genug, dass ich mir mal einen TED-Talk von Haidt angeschaut hab. Spannendes, fundamentales Zeuch:

TED Talk zu den moralischen Wurzeln von Linken und Rechten.

Das Motto von TED ist “…a global community…welcoming people from every discipline and culture who…seek a deeper understanding of the world,and who hope to turn that understanding into a better future for us all.”

Im Publikum sind fast alle politisch links und nur etwa 10 Leute rechts. Diese politische Einseitigkeit, betont Haidt, macht es sehr schwer, die “Welt” zu verstehen, dem Anspruch gerecht zu werden.
Denn wenn eine Gruppe von Menschen weitgehend gleiche Werte teilen, bilden sie quasi automatisch ein Team. Und als Mitglied eines Teams ist es quasi unmöglich, einen offenen Verstand zu behalten (“shuts down open-mindedness”).

Wenn die Republikaner eine Wahl gewinnen, fällt den Demokraten als Erklärung nur ein, dass die “anderen” entweder religiös verblendet oder schlicht bescheuert sind. Er illustriert das mit einer Landkarte von Amerika, auf der die republikaischen Staaten einmal mit “Jesusland” und einmal mit “Dumbfuckistan” beschriftet sind.

jesusland
Das Publikum findet das sehr sehr sehr lustig. Blöde Republikaner.


Um den Geist des Publikums wieder zu öffnen, hinterfragt er im Folgenden, was Moral überhaupt ist und woher sie kommt.
Er fängt an mit:

The WORST idea in all of psychology is the idea that the mind is a blank slate at birth.
(…)
The initial organization of the brain does not depend that much on experience. Nature provides a first draft, which experience then revises. Built-in doesn’t mean unmalleable; it means organized in advance of experience.

Die Kategorien sind vorgegeben und werden durch Erfahrung ausgearbeitet.


Seine Forschung beinhaltet nun, was die moralischen Kategorien sind, die sich in allen Kulturen finden und somit vermutlich vorgegeben sind.

1. harm/care
Bindung eingehen, Mitgefühl spüren, sich um andere sorgen. Leute, die andere verletzen, lösen starke Gefühle aus. Er schätzt, dass rund 70% aller moralischen Aussagen, die er bei TED-Vorträgen hört, in diese Kategorie fallen.

2. fairness/reciprocity
Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Es wird noch diskutiert, ob die Kategorie auch bei Tieren zu finden ist, aber bei Menschen könnte es kaum klarer sein. Die restlichen 30% der moralischen Aussagen bei TED basieren auf diesem Gedanken.

3. ingroup/loyalty
Kooperatives Gruppendenken gibt es auch bei Tieren, aber nur für kleine Gruppen und oder Familien. Große kooperative Gruppen gibt es nur beim Menschen, und da in erster Linie, um sich gegen andere Gruppen durchzusetzen.
Stammesdenken ist so tief verwurzelt, dass wir uns eigene Stämme erfinden, wenn es keine natürlichen gibt.
Sport und Krieg hängen zusammen wie Porno und Sex.

4. authority/respect
Autorität und Respekt haben bei Menschen nicht so sehr mit Macht und Gewalt zu tun wie bei anderen Primaten, sondern eher mit freiwilliger Anerkennung und mitunter auch Liebe.

5. purity/sanctity
Der Gedanke, dass Tugend, Gut-Sein wichtig ist und darüber erlangt werden kann, was man tut, nicht zuletzt, was man mit seinem Körper tut.
Für Konservative hängt das sehr häufig mit sexuellen Restriktionen zusammen, die Linke nimmt heutzutage stattdessen Essen. Veganismus ist die Übersprungshandlung für Leute, die “prüde” nicht in ihrem Wortschatz dulden.


Diese fünf Kategorien können sehr verschiedene Ausprägungen bekommen. Quasi alle Menschen stimmen überein, dass Fairness wichtig ist. Nicht alle stimmen überein, was genau “fair” ist.

Daher haben sie unter www.YourMorals.org einen Fragebogen eingerichtet, den bisher über 20.000 Menschen beantwortet haben. (Das Ding ist noch online und ganz interessant. Ich scheine ein recht unmoralischer Mensch zu sein, oder anders ausgedrückt: Leben und Leben lassen; keine Lust, den ersten Stein zu werfen.)

Das Ergebnis: In allen Ländern ist der Linken Care und Fairness sehr wichtig und die anderen drei Kategorien liegen weit abgeschlagen darunter. Die Rechte findet ebenfalls Care und Fairness am wichtigsten, aber nur unwesentlich mehr als die anderen drei.
Durch die Bank, in allen Ländern.


Bleibt die Frage, wieso eigentlich 3. bis 5. moralische Kategorien sind. Sind das nicht nur Synonyme für Fremdenfeindlichkeit, Autoritätshörigkeit und Sex- und Körperfeindlichkeit?

Haidt erläutert das an Hieronymus Boschs Tryptischon Garten der Lüste.

Links das Paradies, in der Mitte der Garten der Lüste und rechts die Hölle, zeigt den natürlichen Verfall jeder Ordnung. Und das ist nicht nur sexfeindliches Christentum, sondern erzählt letztlich die gleiche Geschichte wie die tragedy of the commons.

Ernst Fehr and Simon Gachter had people play a commons dilemma. A game in which you give people money, and then, on each round of the game, they can put money into a common pot, and then the experimenter doubles what’s in there, and then it’s all divided among the players. So it’s a really nice analog for all sorts of environmental issues, where we’re asking people to make a sacrifice and they themselves don’t really benefit from their own sacrifice. But you really want everybody else to sacrifice, but everybody has a temptation to a free ride. And what happens is that, at first, people start off reasonably cooperative — and this is all played anonymously. On the first round, people give about half of the money that they can. But they quickly see, “You know what, other people aren’t doing so much though. I don’t want to be a sucker. I’m not going to cooperate.” And so cooperation quickly decays from reasonably good, down to close to zero.

Das Verhalten des einzelnen ist fair – andere geben immer weniger, also ist es fair, wenn ich auch immer weniger gebe. Und es verletzt niemanden, zumindest nicht direkt und nicht mehr als alle anderen.

Wenn es nur Fairness und Nicht-verletzen als moralische Kategorie gäbe, könnte die Tragedy of the Commons nicht verhindert werden.
Wenn die anderen Kategorien ins Spiel kommen, gibt es eine Lösung. Im erwähnten Experiment ist es m.E. eine Mischung aus 3. und 4.:

But then — and here’s the trick — Fehr and Gachter said, on the seventh round, they told people, “You know what? New rule. If you want to give some of your own money to punish people who aren’t contributing, you can do that.” And as soon as people heard about the punishment issue going on, cooperation shoots up. It shoots up and it keeps going up. There’s a lot of research showing that to solve cooperative problems, it really helps. It’s not enough to just appeal to people’s good motives. It really helps to have some sort of punishment. Even if it’s just shame or embarrassment or gossip, you need some sort of punishment to bring people, when they’re in large groups, to cooperate. There’s even some recent research suggesting that religion — priming God, making people think about God — often, in some situations, leads to more cooperative, more pro-social behavior.

Dass viele Menschen zusammen arbeiten, braucht ein Wir-Gefühl, damit ein Geben nicht als Opfer gesehen wird, es braucht eine Autorität, damit Verstöße gegen die Moral geahndet werden, es braucht ein Tugend-Konzept als Belohnungsmechanismus und Orientierungshilfe.


Haidt zitiert einen Zen Meister, der seines Erachtens die wichtigste Wahrheit der Moral-Psychologie in einem Absatz ausdrückt:

If you want the truth to stand clear before you, never be for or against. The struggle between for and against is the mind’s worst disease.

Wenn du die Wahrheit sehen willst, sei nie für oder gegen. Der Kampf zwischen Für und Wider ist die schlimmste Krankheit des Geistes.


Und da liegt das fundamentale Problem:
Größere Gruppen funktionieren nur, wenn sie die Wahrheit regelmäßig mit Füßen treten.
Es geht, evolutionär betrachtet, beim Überleben nicht um wahr oder falsch, sondern um Wir oder Die.

Haidts Appell ist, sich zumindest hin und wieder das Konzept von Yin und Yang ins Gedächtnis zu rufen:

Es geht beim Streit der politischen Gruppen nicht um wahr und falsch, gut und böse, sondern um Kräfte, die in verschiedene Richtungen zerren, die austariert werden müssen.

Problematisch ists halt, wenn diese aufgeklärte Sichtweise nur auf der einen Seite praktiziert wird.

Es gibt eine Legende, wahrscheinlich nur ein Mythos, von einem afrikanischen Stamm, dessen Wort für “Fremder” wörtlich übersetzt “Freund, den ich noch nicht kenne” war. Mehr wissen wir nicht von dem Stamm, da er vom ersten fremden Stamm, der vorbei kam, ausradiert wurde.