Fundstück: djadmoros zu Marx und Menschlicher Natur

Bei AllesEvolution ging es mal wieder um das Thema, ob marxsche Ideen und evolutionär geprägte Eigenschaften wie Statussucht in Einklang zu bringen sind.

Ich hatte gefragt:

Menschen bilden Hierarchien.
Menschen streben nach Status.
Aus verschiedenen Fähigkeiten resultieren zwangsläufig Paretoverteilungen.
(und noch ein paar)

stehen auf der einen Seite. Auf der anderen steht

Von jedem nach seinen Fähigkeiten. Jedem nach seinen Bedürfnissen.

Es scheint unmöglich, die beiden Seiten zu vereinbaren.
Ihr seht das anders.
Was seht ihr, was nicht-Linke nicht sehen?
Es muss etwas sein, das die ersten drei wirkungslos macht.

djadmoros hat sich die Zeit für einen längeren Kommentar genommen, der das Feld, auf dem die Frage zu klären wäre, recht gut absteckt:

Der Marxismus (für mich sind das Marx und Engels als soziologische Klassiker unter andere -, Lassalle, Bebel, Lenin usw. usf. sind in erster Linie Politiker, nicht Soziologen) kritisiert primär die Klassengesellschaft. Das ist eine spezifischere Kritik als die Kritik jeglicher Hierarchie überhaupt. Die Klassengesellschaft und die Hierarchie staatlich organisierter Gesellschaften sind keine natürlichen Hierarchien, denn sie wurden erst erfunden, nachdem die neolithische Revolution schon ein gutes Stück auf dem Weg war. Darum sind die obigen drei Sätze nicht geeignet, um die Existenz von Klassengesellschaften und Staaten zu erklären. Dazu bedarf es über die Evolutionspsychologie hinaus zusätzlicher Annahmen, die aus dieser nicht gewonnen werden können.

Nun entstehen Klassengesellschaften und Staaten nicht ohne Grund: sie haben sinnvolle Funktionen, sonst würden sie nicht auf Dauer existieren, und in ihnen entwickelt sich das, was wir Zivilisation nennen. Der Preis dafür ist aber die dauerhafte Entstehung sehr großer sozialer Unterschiede, die in prä-staatlichen Gesellschaften nicht existierten. Sie gehören daher nicht zum Naturzustand des Menschen.

Für das Verständnis des Marxismus wichtiger als »jedem nach seinen Fähigkeiten. Jedem nach seinen Bedürfnissen« ist in meinen Augen die Unterscheidung des »Reichs der Notwendigkeit« vom »Reich der Freiheit«. Marx war kein Maschinenstürmer, er hat die Entfesselung der industriellen Produktivkräfte begrüßt und anerkannt. Und eben auch ihr Potential gesehen, eine Gesellschaft des chronischen und existenziellen Mangels ein für allemal zu beseitigen. Allerdings war er der Meinung, dass nicht die Natur, sondern die menschlichen Institutionen sich grundlegend ändern müssen, damit dieses »Reich der Freiheit« für alle Wirklichkeit werden kann. Und geschichtsphilosophisch ist damit die Aufhebung der Klassengesellschaft gemeint, also die Aufhebung der im Laufe der Menschheitsgeschichte entstandenen künstlichen Hierarchien und die Wiederherstellung auf höherem Niveau derjenigen Gleichheitsformen, die vor dem Zeitalter der Klassengesellschaft gegeben waren. Das impliziert gerade keinen Konflikt mit der menschlichen Natur, sondern die Befreiung des Menschen dazu, ohne Not und Mangel gemäß seiner Natur leben zu können.

Und das ist der Kern der im eigentlichen Sinne marxschen Utopie, den man nicht in den Blick bekommt, wenn man ihn sich durch diejenigen verstellen lässt, die ihn nach seinem Tod für ihre eigenen Projekte und Programme in Anspruch genommen und sich selbst als Marxisten bezeichnet haben. Die spätere staatssozialistische Gleichmacherei hat mit diesem utopischen Kern nicht mehr viel zu tun.

Was schließlich Marx und Engels‘ Annahmen über die menschliche »Urgesellschaft« betrifft, muss man sie im Kontext des historischen Wissens ihrer Zeit betrachten, und der wird konkret von Lewis Morgans ethnologischen Studien umgrenzt, der noch im Paradigma des evolutionistischen Stufendenkens dieser Zeit befangen ist.

Und darum kann ich auch keinen grundsätzlichen Konflikt zwischen Evolutionspsychologie und Marxismus erkennen. Die Evolutionspsychologie modernisiert das Bild der menschlichen Natur, aber gerade darum steht sie in keinem «»notwendigen Konflikt zum Gegenstandsbereich des historischen Materialismus, der sich mit der Entwicklung der menschlichen Institutionen am Ausgang der »Urgesellschaft« befasst. Alles weitere ist ein »internes« Problem des Verhältnisses der sogenannten marxistischen zur sogenannten bürgerliche Soziologie.

Wenn Du also fragst:

»Was seht ihr, was nicht-Linke nicht sehen? Es muss etwas sein, dass die ersten drei wirkungslos macht.«

dann lautet meine Antwort: nein, »wir« sehen nur ein Mißverständnis darüber, was der eigentliche Erklärungsgegenstand des Marxismus und der eigentliche Erklärungsgegenstand der Evolutionspsychologie ist. Die ersten drei Elemente müssen nicht wirkungslos gemacht werden, damit der Marxismus seinen explanatorischen Anspruch entfalten kann.

Die wesentliche Frage ist also im Wesentlichen, ob hierarchische Klassengesellschaften zum “Reich des Notwendigen” gehören, oder nicht.

Das “oder nicht” lässt sich nicht beweisen, es sei denn ein Staat setzt es erfolgreich um. Alle Versuche in diese Richtung können als gescheitert betrachtet werden.

Leszek führt als Argument, dass das trotzdem gehen könnte, das Werk von Christopher Boehm ins Feld.

Der Mensch hat auch starke evolutionär-psychologische Dispositionen hinsichtlich Gleichheit und Solidarität.
Was sich schon darin zeigt, dass kleinräumige, schriftlose Stammesgesellschaften häufig egalitär organisiert sind. Sogenannte Häuptlinge haben in egalitären Stammesgesellschaften keine Befehlsgewalt, weder über den Stamm, noch über einzelne Individuen.
Menschen sind von Natur aus Sozialisten

Aber lässt sich das übetragen von kleinräumigen, schriftlosen Stammesgesellschaften auf große, abstrakte, weitgehend anonyme Staaten?

Ich bin skeptisch.

Bei kleinräumigen Stammesgesellschaften dürfte viel darüber geregelt werden, dass jeder jeden kennt und asoziales Verhalten schnell sanktioniert werden kann. Das funktioniert bei 100 Menschen, nicht bei 80.000.000.

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Journalismus und Fakten

Andrew Hammel schreibt über ein Interview mit Tuvia Tenenbom, das der Spiegel geführt hat.

Spiegel: Mr. Tenenbom, what is your opinion on the media landscape and freedom of opinion here in Germany?

Tenenbom: There’s no more journalism, especially in Germany. Instead there’s activism. Journalism no longer just report what happens, but what we’re supposed to think….

Spiegel: So to you, the best journalists are those who…

Tenenbom: … report facts. And don’t tell us what’s right and wrong.

Das ist zwar richtig, aber zu kurz gedacht. Es reicht nicht “Fakten zu berichten”. Welche Fakten? Es ist unmöglich, alle Fakten zu berichten. Also muss, aus rein technisch-logischen Gründen, ausgewählt werden.

Welche Fakten sollen ausgewählt werden?

Mein Vorschlag: Jene, welche der Leser benötigt, alle Seiten der Debatte zu verstehen, ohne zu der Annahme zu greifen, dass die eine Partei halt schlichtweg bescheuert sei.

Das ist sauschwer, wäre aber Journalismus, der seinen Namen verdient. Nur, wenn der Leser alle Seiten aufrichtig versteht, kann er sich selbst eine Meinung bilden, welche Punkte er aus seiner Perspektive wie gewichten will.

Damit sind wir wieder beim Haidt-Zitat:

Wenn du die Wahrheit sehen willst, sei nie für oder gegen. Der Kampf zwischen Für und Wider ist die schlimmste Krankheit des Geistes.

Wer als Journalist für eine politische Richtung ist, ist so gut wie gescheitert an seiner eigentlichen Aufgabe: Faire Darstellung der Probleme und Diskussionen.

Man sollte aber auch mit dem Journalistenbashing kurz innehalten. Der Journalismus heute ist nicht hinterrücks von fiesen Einseitern gekapert worden, denen die Leser jetzt hilflos ausgeliefert sind. Es muss da auch einen Feedbackloop gegeben haben. Es muss auch genug Leser gegeben haben, die auf Meinungen (statt Reportagen) positiv reagiert haben, oder zumindest letzteres nicht eindeutig ersterem vorgezogen haben.

Ohne zustimmendes Publikum könnte sich meinungsmachendes “Wir sind schlau, die sind doof” Schreiben m.E. nicht durchsetzen.