Fundstück: djadmoros zu Marx und Menschlicher Natur

Bei AllesEvolution ging es mal wieder um das Thema, ob marxsche Ideen und evolutionär geprägte Eigenschaften wie Statussucht in Einklang zu bringen sind.

Ich hatte gefragt:

Menschen bilden Hierarchien.
Menschen streben nach Status.
Aus verschiedenen Fähigkeiten resultieren zwangsläufig Paretoverteilungen.
(und noch ein paar)

stehen auf der einen Seite. Auf der anderen steht

Von jedem nach seinen Fähigkeiten. Jedem nach seinen Bedürfnissen.

Es scheint unmöglich, die beiden Seiten zu vereinbaren.
Ihr seht das anders.
Was seht ihr, was nicht-Linke nicht sehen?
Es muss etwas sein, das die ersten drei wirkungslos macht.

djadmoros hat sich die Zeit für einen längeren Kommentar genommen, der das Feld, auf dem die Frage zu klären wäre, recht gut absteckt:

Der Marxismus (für mich sind das Marx und Engels als soziologische Klassiker unter andere -, Lassalle, Bebel, Lenin usw. usf. sind in erster Linie Politiker, nicht Soziologen) kritisiert primär die Klassengesellschaft. Das ist eine spezifischere Kritik als die Kritik jeglicher Hierarchie überhaupt. Die Klassengesellschaft und die Hierarchie staatlich organisierter Gesellschaften sind keine natürlichen Hierarchien, denn sie wurden erst erfunden, nachdem die neolithische Revolution schon ein gutes Stück auf dem Weg war. Darum sind die obigen drei Sätze nicht geeignet, um die Existenz von Klassengesellschaften und Staaten zu erklären. Dazu bedarf es über die Evolutionspsychologie hinaus zusätzlicher Annahmen, die aus dieser nicht gewonnen werden können.

Nun entstehen Klassengesellschaften und Staaten nicht ohne Grund: sie haben sinnvolle Funktionen, sonst würden sie nicht auf Dauer existieren, und in ihnen entwickelt sich das, was wir Zivilisation nennen. Der Preis dafür ist aber die dauerhafte Entstehung sehr großer sozialer Unterschiede, die in prä-staatlichen Gesellschaften nicht existierten. Sie gehören daher nicht zum Naturzustand des Menschen.

Für das Verständnis des Marxismus wichtiger als »jedem nach seinen Fähigkeiten. Jedem nach seinen Bedürfnissen« ist in meinen Augen die Unterscheidung des »Reichs der Notwendigkeit« vom »Reich der Freiheit«. Marx war kein Maschinenstürmer, er hat die Entfesselung der industriellen Produktivkräfte begrüßt und anerkannt. Und eben auch ihr Potential gesehen, eine Gesellschaft des chronischen und existenziellen Mangels ein für allemal zu beseitigen. Allerdings war er der Meinung, dass nicht die Natur, sondern die menschlichen Institutionen sich grundlegend ändern müssen, damit dieses »Reich der Freiheit« für alle Wirklichkeit werden kann. Und geschichtsphilosophisch ist damit die Aufhebung der Klassengesellschaft gemeint, also die Aufhebung der im Laufe der Menschheitsgeschichte entstandenen künstlichen Hierarchien und die Wiederherstellung auf höherem Niveau derjenigen Gleichheitsformen, die vor dem Zeitalter der Klassengesellschaft gegeben waren. Das impliziert gerade keinen Konflikt mit der menschlichen Natur, sondern die Befreiung des Menschen dazu, ohne Not und Mangel gemäß seiner Natur leben zu können.

Und das ist der Kern der im eigentlichen Sinne marxschen Utopie, den man nicht in den Blick bekommt, wenn man ihn sich durch diejenigen verstellen lässt, die ihn nach seinem Tod für ihre eigenen Projekte und Programme in Anspruch genommen und sich selbst als Marxisten bezeichnet haben. Die spätere staatssozialistische Gleichmacherei hat mit diesem utopischen Kern nicht mehr viel zu tun.

Was schließlich Marx und Engels‘ Annahmen über die menschliche »Urgesellschaft« betrifft, muss man sie im Kontext des historischen Wissens ihrer Zeit betrachten, und der wird konkret von Lewis Morgans ethnologischen Studien umgrenzt, der noch im Paradigma des evolutionistischen Stufendenkens dieser Zeit befangen ist.

Und darum kann ich auch keinen grundsätzlichen Konflikt zwischen Evolutionspsychologie und Marxismus erkennen. Die Evolutionspsychologie modernisiert das Bild der menschlichen Natur, aber gerade darum steht sie in keinem «»notwendigen Konflikt zum Gegenstandsbereich des historischen Materialismus, der sich mit der Entwicklung der menschlichen Institutionen am Ausgang der »Urgesellschaft« befasst. Alles weitere ist ein »internes« Problem des Verhältnisses der sogenannten marxistischen zur sogenannten bürgerliche Soziologie.

Wenn Du also fragst:

»Was seht ihr, was nicht-Linke nicht sehen? Es muss etwas sein, dass die ersten drei wirkungslos macht.«

dann lautet meine Antwort: nein, »wir« sehen nur ein Mißverständnis darüber, was der eigentliche Erklärungsgegenstand des Marxismus und der eigentliche Erklärungsgegenstand der Evolutionspsychologie ist. Die ersten drei Elemente müssen nicht wirkungslos gemacht werden, damit der Marxismus seinen explanatorischen Anspruch entfalten kann.

Die wesentliche Frage ist also im Wesentlichen, ob hierarchische Klassengesellschaften zum “Reich des Notwendigen” gehören, oder nicht.

Das “oder nicht” lässt sich nicht beweisen, es sei denn ein Staat setzt es erfolgreich um. Alle Versuche in diese Richtung können als gescheitert betrachtet werden.

Leszek führt als Argument, dass das trotzdem gehen könnte, das Werk von Christopher Boehm ins Feld.

Der Mensch hat auch starke evolutionär-psychologische Dispositionen hinsichtlich Gleichheit und Solidarität.
Was sich schon darin zeigt, dass kleinräumige, schriftlose Stammesgesellschaften häufig egalitär organisiert sind. Sogenannte Häuptlinge haben in egalitären Stammesgesellschaften keine Befehlsgewalt, weder über den Stamm, noch über einzelne Individuen.
Menschen sind von Natur aus Sozialisten

Aber lässt sich das übetragen von kleinräumigen, schriftlosen Stammesgesellschaften auf große, abstrakte, weitgehend anonyme Staaten?

Ich bin skeptisch.

Bei kleinräumigen Stammesgesellschaften dürfte viel darüber geregelt werden, dass jeder jeden kennt und asoziales Verhalten schnell sanktioniert werden kann. Das funktioniert bei 100 Menschen, nicht bei 80.000.000.

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5 thoughts on “Fundstück: djadmoros zu Marx und Menschlicher Natur

  1. “Das funktioniert bei 100 Menschen, nicht bei 80.000.000.”

    Vielleicht aber wieder, wenn BigData und ihre Basis, die Überwachung/Datensammlung, soweit fortgeschritten sind, dass wieder “jeder jeden kennt”, zumindest potenziell kennen kann. Das entstandene System muss dann “nur” noch sozialisiert und demokratisch ermittelten Werten unterstellt werden – die Sanktionierung asozialen Verhaltens erfolgt dann automatisch durch Algorithmen.

    Nicht, dass ich das toll fände – aber man könnte meinen, es gehe in diese Richtung…

    • Der Effekt von “jeder kennt jeden” ist, dass keiner seinen Leumund verheimlichen kann. Wenn es Anzeichen gibt, dass einer betrügt oder auch nur die anderen übervorteilen, hat derjenige ein Problem, weil alle es wissen und schnell keiner mehr mit ihm interagieren will.
      Aus dem Effekt heraus gibt es auch Rufmord.

      Es ist vollkommen fraglich, ob dieser Effekt überhaupt algorithmisch geleistet werden kann.

      Noch viel fraglicher ist, warum jene, die davon am meisten profitieren, dass ihre Leichen im Keller bleiben, so ein Wächter-Automatismus in auftrag geben oder auch nur zulassen sollten.

      Viele politischen Konzepte funktionieren unter der Voraussetzung, dass an leitender Position ein weiser Mensch sitzt. Sobald da ein Psychopath sitzt, geht’s schief. Und Psychopathen sind viel besser, an so eine Position zu kommen, als Weise.
      Das gilt auch und erst recht für computergesteuerte Gesellschaften.

  2. “Sogenannte Häuptlinge haben in egalitären Stammesgesellschaften keine Befehlsgewalt, weder über den Stamm, noch über einzelne Individuen.”

    Ich glaube nicht, dass diese Analyse korrekt ist.

    Bei Häuptlingen handelt es sich um eine Hierarchie. Sie ist vielleicht nicht so stark ausgeprägt wie bei uns, aber ein Häuptling hat eben schon einen höheren Status (den er sich im Regelfall erarbeiten musste) und mindestens informell auch mehr zu sagen als der Durchschnittsindianer.

    Weiße haben “Verträge” mit Häuptlingen abgeschlossen und die Stämme hielten sich an diese “Verträge”.

    Auch Indianer hielten Sklaven, es ist also gar keine Frage, dass diese Gesellschaften keinesfalls egalitär waren.

    “Menschen sind von Natur aus Sozialisten”

    Das glaube ich nicht. Lockt man egalitäre indigene Völker mit den Ergebnissen kapitalistischer Produktion fallen diese Gesellschaften schnell auseinander. Die Menschen leben vielleicht (das ist unsere westliche Wahrnehmung!) egalitär, aber das bedeutet vielleicht nur, dass sie es nicht besser wissen.

    Und diese Gesellschaften haben Medizin, Antibiotika und das Rad eben nicht erfunden. Offensichtlich ist diese Gesellschaftsform (ohne die Möglichkeit durch mehr Leistung auch mehr abzubekommen) nicht geeignet um Fortschritte zu erzielen.

    Die Romantisierung solcher Gesellschaftsstrukturen findet aus meiner Sicht vorrangig in den Köpfen derer statt, die nicht in diesen Gesellschaften leben, deren negative Seiten (wie z. B. soziale Zwänge, kurze Lebenserwartung) nicht kennen und warm und sicher im bösen kapitalistischen Westen leben.

    • Hi Siggi,

      schön, dass du anfängst dich für Ethnologie zu interessieren. 🙂

      Meine Lieblings-Ethnologen sind übrigens der französische Ethnologe Pierre Clastres (1934 – 1977) und der englisch-kanadische Ethnologe Christopher Hallpike (geb. 1938), zwei sehr verschiedene Ethnologen, die unterschiedliche Forschungsschwerpunkte hatten, verschiedene, Theorien vertreten, übrigens auch hinsichtlich ihrer politischen Ansichten divergieren (Clastres war wie ich politisch links, Hallpike ist eher konservativ), aber beide m.E. ausgezeichnete Wissenschaftler sind und denen außerdem gemeinsam ist, dass sie (in ihren Augen) unwissenschaftliche Tendenzen in ihrer Fachdisziplin in deutlichen Worten kritisierten. (Es gibt aber natürlich auch noch viele andere Ethnologen, die ich schätze.)

      „Ich glaube nicht, dass diese Analyse korrekt ist.“

      Doch, Siggi, diese Analyse ist korrekt. Dass Häuptlinge in kleinräumigen, schriftlosen egalitären Stammesgesellschaften keine Befehlsgewalt haben, ist der allgemein anerkannte Forschungsstand hierzu in der Ethnologie, der durch zahlreiche Erfahrungsberichte – von frühen Missionaren bis zu ausgebildeten ethnologischen Feldforschern – gestützt wird, seit es Berichte von Menschen aus westlichen Gesellschaften gibt, die längere Zeit mit Menschen in schriftlosen, kleinräumigen Stammesgesellschaften zusammenlebten.

      Ich zitiere hierzu mal aus einem aktuellen Lehrbuch der Ethnologie:

      „Sieht man von den stark stratifizierten Häuptlingsgesellschaften einmal ab, in denen der Übergang zu zentralen staatlichen Organisationsformen unter dem Einfluss des europäischen Kolonialismus denn auch relativ schnell vonstatten gegangen ist, dann scheinen Gesellschaften ohne zentralen Erzwingungsmaßstab durch ein hohes Maß an Egalität gekennzeichnet. Die politischen Entscheidungen müssen konsensuell getroffen werden. Die politischen Führer, seien es die Ältesten, die Klanvorsteher, die Big Men, die Dorfoberhäupter oder auch die Häuptlinge, bleiben an den Willen ihrer jeweiligen Gemeinwesen gebunden. Gefolgschaft können sie nicht erzwingen. Innerhalb der eigenen Gruppe setzen sie sich allein aufgrund ihrer persönlichen Autorität durch. Sie verfügen in der Regel auch nur über wenige persönliche Privilegien, zu denen allerdings auffällig häufig die Polygamie gehört. Von Ausnahmefällen abgesehen, beteiligen sie sich am Nahrungsmittelerwerb ebenso wie alle anderen Mitglieder der Gruppe. Oft arbeiten sie sogar entschieden mehr als alle übrigen und sind ständig mit dem Anfertigen von Schmuckstücken, von Prestigegütern und anderen Tauschgegenständen beschäftigt, muss doch der Gabenfluss in Gang gehalten werden, auf dem die Sonderstellung des Big Men und des Häuptlings beruht. Auch darf er keiner Bitte widersprechen, da Geiz und Macht in vielen Gesellschaften als miteinander unvereinbar gelten. Nach Francis Huxley lässt sich in einigen südamerikanischen Indianerstämmen „der Häuptling immer daran erkennen, dass er weniger besitzt als die anderen und den ärmlichsten Schmuck trägt. Alles andere hat er weggegeben“ (zit. nach Clastes 1976: 32).

      (aus: Karl-Heinz Kohl – Ethnologie. Die Wissenschaft vom kulturell Fremden. Eine Einführung, 3., aktualisierte Auflage, C.H. Beck, 2012, S. 66)

      Natürlich sind aber nicht alle schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften egalitäre Gesellschaften:

      – Jäger-und Sammler-Gesellschaften bzw. Wildbeuter-Gesellschaften sind in der Regel egalitär organisiert, es gibt aber auch Ausnahmen.

      – Gartenbauer-Gesellschaften sind häufig egalitär organisiert, wahrscheinlich mehrheitlich, es gibt aber auch eine Reihe von Gartenbauer-Gesellschaften, bei denen dies nicht der Fall ist.

      – Hirten-Gesellschaften sind in vielen Fällen nicht egalitär, sondern hierarchisch organisiert, es gibt aber auch eine signifikante Anzahl egalitär-organisierter Hirten-Gesellschaften, insbesondere in Ostafrika.

      – Bei kleinräumigen, schriftlosen agrarischen Gesellschaften überwiegen m.W. hierarchische Organisationsformen, es gibt aber auch einige egalitäre agrarischen Gesellschaften.

      Für einen genaueren Überblick hierzu, siehe das Buch des kanadischen Ethnologen Harold Barclay – Völker ohne Regierung, Libertad Verlag, 1985. Barclay ist Experte für das Thema, gibt in dem Buch u.a. einen Überblick über den Forschungsstand und geht auf die genannten Kategorien ein.

      „Bei Häuptlingen handelt es sich um eine Hierarchie.“

      Das kommt darauf an, wie man Hierarchie definiert. Versteht man darunter eine soziale Struktur, die auf Befehl und Gehorsam beruht, dann handelt es sich um keine Hierarchie, denn Häuptlinge in egalitären schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften haben keine Befehlsgewalt, weder über einzelne Individuen, noch über die Gruppe als Ganzes.

      Hierzu nochmal eine Passage aus dem Lehrbuch zur Ethnologie von Karl-Heinz-Kohl speziell zum Thema der egalitären Jäger-und-Sammler-Gesellschaften:

      „Jeder kann seine Meinung vorbringen, und in der Regel wird so lange diskutiert, bis Übereinstimmung erzielt worden ist. Formale Autoritätspersonen existieren in Hordengesellschaften kaum. Doch können den Ältesten und auch besonders erfolgreichen Jägern in Entsprechung zu ihrer Erfahrung Sonderstellungen eingeräumt werden. Solche informellen Anführer oder Oberhäupter verfügen jedoch über keinerlei Befehlsgewalt. Da alle erwachsenen Gruppenmitglieder an der politischen Meinungsbildung beteiligt sind, kommt ihren Stimmen bei den Beratungen und Entscheidungen nur besonderes Gewicht zu. Sie können die anderen zwar überzeugen, ihnen aber nie ihren Willen aufzwingen.“

      (aus: Karl-Heinz Kohl – Ethnologie. Die Wissenschaft vom kulturell Fremden. Eine Einführung, 3., aktualisierte Auflage, C.H. Beck, 2012, S. 54)

      Wenn du mit Hierarchie hingegen den Umstand meinst, dass es in jeder menschlichen Gruppe, spätestens ab einer bestimmten Größe, bestimmte einzelne Personen gibt, die beliebter und/oder einflussreicher und anerkannter sind als andere Personen der gleichen Gruppe, dann stimmt dies natürlich, ist aber eine an Trivialität schwer zu überbietende Erkenntnis, die nie jemand ernsthaft bestritten hat und die auch kein Anhänger irgendeiner freiheitlichen Strömung des Sozialismus je als grundsätzliches Problem betrachtet hätte.

      „Sie ist vielleicht nicht so stark ausgeprägt wie bei uns, aber ein Häuptling hat eben schon einen höheren Status (den er sich im Regelfall erarbeiten musste) und mindestens informell auch mehr zu sagen als der Durchschnittsindianer.“

      Klar hat der Häuptling in der Regel einen höheren Status, er muss zwar keineswegs die einzige Person mit einem höheren Status innerhalb des Stammes sein, es kann auch noch andere Personen mit höherem Status geben, aber sicherlich ist der Häuptling in der Regel eine einflussreiche und anerkannte Person innerhalb des Stammes.

      Der Häuptling hat allerdings in egalitären schriftlosen, kleinräumigen Stammesgesellschaften keinerlei Befehlsgewalt, die Stammesgemeinschaft trifft Entscheidungen basisdemokratisch und der Häuptling wird außerdem quasi beständig von seinen Stammes-Genossen „überwacht“, damit sich sein Status nicht zu einer dauerhaften Machtposition verselbständigt.

      Welche Funktionen ein Häuptling im Kontext einer egalitären schriftlosen, kleinräumigen, Stammesgesellschaft stattdessen erfüllt, darauf war ich in dem entsprechenden Diskussionsstrang ja eingegangen

      https://allesevolution.wordpress.com/2017/04/10/heterosexualitaet-ist-eine-recht-neue-erfindung-es-gibt-sie-noch-nicht-lange/

      und zwar in dem Leszek-Kommentar vom 10. April 2017 um 8:05 Uhr, falls du es nachlesen möchtest.

      Falls du dich noch etwas genauer mit dem Status und den Funktionen von Häuptlingen in egalitären schriftlosen kleinräumigen Stammesgesellschaften beschäftigen möchtest, seien dazu kurz zwei wichtige Artikel eines französischen Ethnologen genannt, der auf dieses Thema spezialisiert war:

      Pierre Clastres – Tausch und Macht. Theorie des indianischen Häuptlingstums, in: Pierre Clastres – Staatsfeinde. Studien zur politischen Anthropologie, Suhrkamp, 1976, S. 28-48

      und

      Pierre Clastres – Die Frage der Macht in primitiven Gesellschaften, in: Pierre Clastres – Archäologie der Gewalt, Diaphanes, 2008, S. 23 – 31

      „„Weiße haben “Verträge” mit Häuptlingen abgeschlossen“

      Das ist naheliegend, zu den Funktionen eines Häuptlings gehört nämlich u.a, die Kommunikation mit anderen Menschengruppen außerhalb des eigenen Stammes, der Häuptling ist quasi u.a. sowas wie ein „Außenminister“ – handelt es sich um eine egalitäre Stammesgesellschaft, ist er allerdings ein „Außenminister ohne Macht“, der nur ausführt, aber nicht eigenständig bestimmen darf.

      „und die Stämme hielten sich an diese “Verträge”.“

      Falls es sich bei diesen Stämmen um egalitäre Stammesgesellschaften gehandelt hat, dann ist über die Verträge zuvor basisdemokratisch innerhalb des Stammes entschieden worden und der Häuptling hat nur den kollektiven Stammeswillen mitgeteilt. Das ist quasi so ähnlich wie das Prinzip des Imperativen Mandats in der Politikwissenschaft:

      https://de.wikipedia.org/wiki/Imperatives_Mandat

      „Auch Indianer hielten Sklaven, es ist also gar keine Frage, dass diese Gesellschaften keinesfalls egalitär waren.“

      Ja, bei einigen der Stämme der Indianer Nordamerikas gab es Sklaverei in Bezug auf Kriegsgefangene (m.W. in der Regel aber nicht in Bezug auf Mitglieder der eigenen Gruppe). Ich stimme dir zu, dass schriftlose, kleinräumige Stammesgesellschaften, die gleichzeitig Sklavenhaltergesellschaften sind, nicht ernsthaft als egalitäre Gesellschaften bezeichnet werden können, (selbst falls sie hinsichtlich der eigenen Stammesmitglieder trotzdem egalitär sind).

      Aber ich habe ja nicht behauptet, dass alle schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften egalitär seien.

      Bei schriftlosen Sklavenhaltergesellschaften dürfte es sich aber in der Regel um Gruppen handeln, deren durchschnittliche demographische Größe die der typischen Wildbeuter-Gesellschaften überschreitet und die nicht mehr ausschließlich oder primär vom Jagen und Sammeln leben. Was die spezifischen Merkmale solcher Gesellschaften sind, werde ich bei Gelegenheit mal nachrecherchieren.

      “Menschen sind von Natur aus Sozialisten”
      „Das glaube ich nicht.“

      Menschen haben – worauf in der Diskussion in dem entsprechenden Strang sowie in anderen Diskussionen von mir auch hingewiesen wurde – natürlich nicht nur evolutionär-psychologische Dispositionen hinsichtlich Egalität, sondern auch solche hinsichtlich Machtstreben. Nur setzt sich unter den Bedingungen des „Naturzustandes“ – falls man dies mal so nennen will –also bei der ursprünglichsten und ältesten menschlichen Gesellschaftsform, den Jäger-und-Sammler- bzw. Wildbeutergesellschaften in der Regel allerdings die egalitäre Tendenz innerhalb der Stammesorganisation durch.
      Und zwar nicht, weil die Tendenz zum Machtstreben dort nicht existieren würde, sondern weil man diese bewusst – durch basisdemokratische Formen der Entscheidungsfindung, beständige Überwachung der “Anführer“ durch den ganzen Stamm sowie – falls dies nötig wird – durch Sanktionen – in die Schranken weist.

      Auf diese Aspekte wird (neben den erwähnten Artikeln zum Häuptlingstum von Pierre Clastres) auch in dem oben genannten Buch des Anthropologen und Verhaltensforschers Christopher Boehm – Hierarchy in the Forest. The Evolution of Egalitarian Behavior, Harvard, 2001, eingegangen.

      „Lockt man egalitäre indigene Völker mit den Ergebnissen kapitalistischer Produktion fallen diese Gesellschaften schnell auseinander.“
      Da machst du es dir m.E. etwas zu einfach. Die Gründe für das Abnehmen dieser schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaftsformen sind schon etwas komplexer und dazu gehören u.a. auch von westlichen Kolonialisten eingeschleppte Krankheiten, Krieg und Gewalt seitens westlicher Kolonialisten, christliche Missionarstätigkeit und staatliche Regulierungsbestrebungen. Nicht wenige schriftlose Stämme haben lange Widerstand geleistet und haben lieber ihren Untergang riskiert als sich Bedingungen zu unterwerfen, die sie nicht selbst mitbestimmen konnten.

      „Die Menschen leben vielleicht (das ist unsere westliche Wahrnehmung!) egalitär,“

      Das ist nicht nur in einem wahrheitsrelativistischen Sinne unsere „westliche Wahrnehmung“, sondern das Resultat der wissenschaftlichen Feldforschung in entsprechenden Gesellschaften.

      „aber das bedeutet vielleicht nur, dass sie es nicht besser wissen.“

      Schriftlose, kleinräumige Gesellschaften sind traditionelle Gesellschaften, deren Mitglieder in der Regel nicht über die bestehenden traditionellen Werte und Normen hinausdenken, dies auch nicht oder nur in geringem Maße können, da das formal-operationale, abstrakte Denken gemäß des Forschungsstandes der Kulturvergleichenden kognitiven Entwicklungspsychologie in schriftlosen, kleinräumigen Stammesgesellschaften aufgrund der vormodernen Sozialisationsbedingungen nicht entwickelt wird (vgl. zum Forschungsstand der kulturvergleichenden kognitiven Entwicklungspsychologie in Bezug auf schriftlose, kleinräumige Gesellschaften das Buch des kanadischen Ethnologen Christopher R. Hallpike – Die Grundlagen primitiven Denkens, DTV, 1996).

      Umso interessanter ist es doch, dass gerade in Jäger-und-Sammlergesellschaften als der ursprünglichsten menschlichen Gesellschaftsform, in der Menschen die längste Zeit ihrer Existenz gelebt haben, sich in der Regel die egalitären Tendenzen der menschlichen Natur durchsetzen. Menschen sind eben von Natur aus Sozialisten. 🙂

      „Und diese Gesellschaften haben Medizin, Antibiotika und das Rad eben nicht erfunden. Offensichtlich ist diese Gesellschaftsform (ohne die Möglichkeit durch mehr Leistung auch mehr abzubekommen) nicht geeignet um Fortschritte zu erzielen.“

      Um solche Fortschritte zu erzielen, sind modernere Sozialisations- und Bildungsbedingungen nötig, der Forschungsstand der kulturvergleichenden kognitiven Entwicklungspsychologie deutet darauf hin, dass sich das abstrakte, formal-operationale Denken nur unter Sozialisations- und Bildungsbedingungen herausbilden kann, die denen moderner westlicher Gesellschaften hinreichend ähnlich sind, u.a. gehört dazu offenbar eine mindestens dreijährige, der westlichen vergleichbare Schulbildung (vgl. hierzu: Georg W. Oesterdiekhoff – Kulturelle Bedingungen kognitiver Entwicklung: Der strukturgenetische Ansatz in der Soziologie, Suhrkamp, 1997).

      „Die Romantisierung solcher Gesellschaftsstrukturen findet aus meiner Sicht vorrangig in den Köpfen derer statt, die nicht in diesen Gesellschaften leben, deren negative Seiten (wie z. B. soziale Zwänge, kurze Lebenserwartung) nicht kennen und warm und sicher im bösen kapitalistischen Westen leben.“

      Dann wird es dich sicherlich freuen zu hören, dass ich schon häufiger nicht nur auf die Vorteile und positiven Seiten, sondern auch auf die Nachteile des Lebens in schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften hingewiesen habe.

      Z.B. findest du in folgendem Diskussionsstrang auf „Alles Evolution“

      https://allesevolution.wordpress.com/2012/03/24/die-rechte-des-leiblichen-vaters/

      von mir einen Kommentar aus dem Jahre 2012 (Leszek-Kommentar vom 25. März 2012 um 10:16 Uhr), in dem es u.a. heißt:

      „Mir sind die Nachteile dieser Kulturstufe natürlich bewusst, (u.a. soziozentrische Stammesmoral, Stammeskriege, mythologisches Bewusstsein, Aussetzen der Alten und Kindstötungen in Zeiten der Not, beschissene Gesundheitsversorgung etc.), daher meine Ausführungen bitte nicht als Plädoyer gegen die Zivilisation werten (…)“

      Auch wurde von mir schon häufiger auf die leider nicht seltenen Stammeskriege im Kontext schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften hingewiesen (Zwei interessante Artikel zum Thema Stammeskriege findest du übrigens ebenfalls in dem oben erwähnten Buch von Pierre Clastes – Archäologie der Gewalt, Diaphanes, 2008.)

      Und im Verlauf des letzten Jahres hatte ich auf „Alles Evolution“ mehrere Diskussionen zum Forschungsstand der Kulturvergleichenden Entwicklungspsychologie, der darauf hindeutet, dass die – bezugnehmend auf die entwicklungspsychologischen Modelle von Jean Piaget und Lawrence Kohlberg – höheren kognitiven und moralischen Strukturen aufgrund der vormodernen Sozialisationsbedingungen in schriftlosen, kleinräumigen Stammesgesellschaften nicht entwickelt werden können, sondern dass dazu offenbar moderne Sozialisations- und Bildungsbedingungsbedingungen notwendig sind.

      Stammesgesellschaften scheinen sich im Allgemeinen nur bis zur 3. Moralstufe im Kontext von Lawrence Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung zu entwickeln, (Einzelpersonen manchmal auch bis Stufe 4, aber nicht weiter). Es gibt auch Stammesgesellschaften, die ihren durchschnittlichen entwicklungspsychologischen Schwerpunkt auf der 2. Moralstufe haben, letztere können aus Perspektive moderner Gesellschaften u.U. als ziemlich dysfunktional erscheinen.

      Beispiele für schriftlose, kleinräumige Stammesgesellschaften mit einem durchschnittlichen entwicklungspsychologischen Schwerpunkt auf Moralstufe 3 sind bzw. waren (da sich die Lebensbedingungen inzwischen geändert haben könnten) m.E. die südamerikanischen Ye’kuana–Indianer oder die Ache-Indianer in Paraguay, solche Gesellschaften sind intern relativ solidarisch. Die meisten der intern relativ gut funktionierenden egalitären schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften sind offenbar solche mit einem Schwerpunkt auf Moralstufe 3.

      Beispiele für schriftlose, kleinräumige Stammesgesellschaften mit einem durchschnittlichen entwicklungspsychologischen Schwerpunkt auf Moralstufe 2 sind bzw. waren (da sich die Lebensbedingungen inzwischen geändert haben könnten) z.B. die Tauade in Neuguinea oder die im venezolanisch-brasilianischen Grenzgebiet lebenden Yanomami-Indianer. „Stufe-2-Gesellschaften“ sind weniger gemeinschaftsorientiert und die Stammesmitglieder agieren im Schnitt egozentrischer, solche Gesellschaften können intern auch ein relativ hohes Maß an Gewalt beinhalten.

      Nicht alle „Stufe-2-Gesellschaften“ erscheinen aus Perspektive moderner Gesellschaften als dysfunktional, aber bei all denjenigen schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften, die aus Perspektive moderner Gesellschaften intern als besonders dysfunktional erscheinen, scheint es sich um „Stufe-2-Gesellschaften“ zu handeln, während „Stufe-3-Gesellschaften“ intern in der Regel als – im Kontext ihrer jeweiligen Bedingungen – relativ gut funktionierend erscheinen, da sie mehr Solidarität und gegenseitige Hilfe beinhalten.

      Wenn man sich mit schriftlosen, kleinräumigen Gesellschaften befasst, kann es sinnvoll sein, diese Differenzierung im Hinterkopf zu behalten, um nicht dem Risiko zu verfallen, ausgehend von einer intern relativ gut oder relativ schlecht funktionierenden Stammesgesellschaft, mit der man sich gerade beschäftigt, gleich unzulässig zu verallgemeinern.

      So, auch zu diesem Aspekt abschließend noch ein paar Buchhinweise:

      – Ein Standardwerk zur Analyse schriftloser, kleinräumiger Gesellschaften unter der Perspektive der Moralpsychologie in der Tradition Kohlbergs ist das Buch des kanadischen Ethnologen Christopher R. Hallpike – Evolution of Moral Understanding, Ingram International, 2004, (eine deutsche Übersetzung liegt bislang nicht vor.)

      In folgenden beiden Büchern wird Kohlbergs Moralpsychologie zwar nicht erwähnt, aber sie sind m.E. gut für eine Verdeutlichung geeignet:

      – Der ethnologische Klassiker von Pierre Clastes – Chronik der Guayaki. Die sich selbst Ache nennen, Trickster, 1984 beschreibt m.E. eine egalitäre Stammesgesellschaft mit durchschnittlichem moralpsychologischen Schwerpunkt auf Stufe 3, ein sympathischer kleiner Kannibalenstamm (eigentlich 2 Stämme, die sich zusammengeschlossen hatten), deren interne soziale Organisation relativ friedlich und solidarisch ist. (Auf Nachteile der Ache-Kultur wird in dem schönen, aber auch etwas traurigen Buch ebenfalls eingegangen.)

      – Und in einem anderen ethnologischen Klassiker, nämlich von dem US-amerikanischen Ethnologen Napoleon Chagnon – Die Yanomamö. Leben und Sterben der Indianer am Orinoko, Byblos, 1999 wird eine schriftlose, kleinräumige Stammesgesellschaft beschrieben, die meinem Eindruck nach eher der Moralstufe 2 im Kontext von Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung zuzuordnen wäre.

      So, jetzt hast du ein paar Buchtipps und kannst dich jederzeit über das Thema weitergehend informieren, falls du das möchtest.

  3. Pingback: Ferndiagnose „nicht-links“ – Scheidende Geister

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